Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Günter Mühlpfordt

geboren:28. Juli 1921 Ammendorf
gestorben:4. April 2017 Halle (Saale)
Konfession:-
Vater:Fabrikant

Günter Mühlpfordt

Günter Mühlpfordt wurde am 28. Juli 1921 geboren. Er studierte von 1939 bis 1941 an der MLU Halle Geschichte. Mühlpfordt promovierte 1941 bei Martin Lintzel über „Die deutsche Führung des böhmisch-mährischen Raumes in der Zeit Maria Theresias und Josef II“, für den Rest des Zweiten Weltkrieges diente er in der Kriegsmarine. Ab 1947 war er bei Lintzel Assistent, ab 1951 führte er in Halle die Lehrveranstaltungen zu osteuropäischer Geschichte durch und war seit dem gleichen Jahr auch (zunächst kommissarischer) Direktor der Instituts für Osteuropäische Geschichte. 1952 habilitierte Mühlpfordt über „Die polnische Krise 1863. Die Begründung der russisch-preussisch-deutschen Entente der Jahre 1863–1871“, 1953 wurde er Dozent und 1954 wurde er in Halle auf eine Professur für die Geschichte der Völker der UdSSR und der anderen slawischen Völker berufen.

Günter Mühlpfordts Forschungsfelder bewegten sich zwischen Osteuropäischer Geschichte, Reformation und Aufklärung. Mühlpfordt prägte und etablierte aber auch den besonders für die marxistisch-leninistische Geschichtsschreibung wichtigen Begriff „frühbürgerliche Revolution“ sowie die Einschätzung des Bauernkriegs von 1525 als „deutsche frühbürgerlichen Revolution“ in der DDR-Geschichtsschreibung. Auch der Begriff „radikale Reformation“, den er schon 1952 verwendete, wurde von Mühlpfordt mitgeprägt.

In der DDR wurden Mühlpfordt, der als SPD-Mitglied 1946 in die SED überschrieben worden war, schon seit 1948 allerdings „Revisionismus“, „Reformismus“ und „Sozialdemokratismus“ vorgeworfen, also die Verbreitung „bürgerlicher“ Ideologie im Arbeiter- und Bauernstaat. 1951 wurde seine Vorlesung zur Geschichte Osteuropas verboten, 1953 seine Antrittsvorlesung als Dozent, 1955 wurde Mühlpfordt beim MfS als „Antimarxist“ vermerkt, ab 1956 wurde er der versuchten „Republikflucht“ verdächtigt. In seinem Gutachten zur Habilitationsschrift bescheinigte der Rektor der Universität Leo Stern Mühlpfordt als „Hauptmangel der Arbeit […] das Fehlen einer marxistisch-leninistischen, kämpferischen Durchdringung des Stoffes“ und warf ihm „unmarxistische, chauvinistische, ja faschistische Formulierungen“ vor, obwohl er einräumte, dass die Arbeit „sonst gut und übersichtlich angelegt ist.“

Mühlpfordt wurde sowohl während seiner Zeit in Halle als auch nach seiner Entlassung 1958 vom MfS beobachtet. Insgesamt berichteten sechs Inoffizielle Mitarbeiter über ihn; vier MfS-Offiziere waren für ihn ‚zuständig‘. Ein entscheidendes Ereignis im Verhältnis Mühlpfordts zur SED stellte die Historikerberatung von 1956 dar, auf der es innerhalb der marxistisch-leninistischer Geschichtswissenschaft zu Kollisionen kam. Mühlpfordt wurde hier noch nicht als Hauptgegner der offiziellen Parteilinie ausgemacht, vielmehr als einer neben anderen wie Jürgen Kuczynski, Joachim Streisand und Fritz Klein. In der durch den 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 ausgelösten Erwartung auf Entstalinisierung von Staat und Wissenschaft positionierte sich Mühlpfordt kritisch gegenüber der offiziellen Parteilinie, unter anderem als Mitglied des Redaktionskollegiums der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG). Das ZK der SED beschloss während der 30. Tagung im Januar und Februar 1957, gegen diese Gruppe von Historikern vorzugehen und warf ihnen „Revisionismus“ vor. Mühlpfordt wurde zusammen mit anderen kritischen Historikern aus dem Redaktionskollegium der ZfG entfernt und publizistisch inbesondere wegen seiner aufgeschlossenen Haltung gegenüber der „bürgerlichen“ und „imperialistischen“ Geschichtswissenschaft Westdeutschlands attackiert. Die Angriffe wurden im Laufe des Jahres 1957 auf Mühlpfordt und Kuczynski fokussiert. Ein Aufsatz Mühlpfordts „Vom Wittenberger Oktober 1517 zum Petrograder Oktober 1917“, der einen Zusammenhang von Wetterlage und Revolutionsausbrüchen behauptete, führte zu weiteren Angriffen auf ihn. 

Bei der dritten vom ZK der SED einberufenen Historikerberatung am 24. Januar 1958 wurden erneut Kuczynski und Mühlpfordt als Hauptrepräsentanten eines ‚revisionistischen‘ und ‚objektivistischen“ Flügels positioniert. Ende Februar/Anfang März 1958 wurde auf der 3. Hochschulkonferenz der SED das Programm der sozialistischen Universität verkündet, die von bürgerlichen und revisionistischen Einflüssen befreit werden müsse und ein offensives Vorgehen gegen „Feinde“ des Sozialismus im Wissenschaftsbetrieb angekündigt. Die Universitätsparteileitung der SED in Halle nahm daraufhin den „Kampf“ gegen sogenannten „Revisionisten“ innerhalb der SED und gegen „bürgerliche“ und kirchlich gebundene Professorinnen und Professoren. Dieses Vorgehen mündete unter anderem in der offen propagandistisch betriebenen Auflösung des Spirituskreises und der Entlassung von Kurt Aland und Erich Hoffmann aus ihren Professuren. Mühlpfordt wurde durch die Parteileitung vorgeworfen, protestantische Traditionen und die Junge Gemeinde an der Universität Halle zu schützen, die „bremsenden“ Kräfte zu unterstützen und als Parteimitglied „inaktiv“ zu sein.

Die SED-Bezirksleitung Halle beschloss im Beisein Walter Ulbrichts kurz darauf, Mühlpfordt aus der SED auszuschließen und von seiner Lehrtätigkeit zu entbinden. Bei einem langfristig von MfS und SED vorbereiteten öffentlichen „Forum“  mit Universitätsangehörigen in Anwesenheit Ulbrichts wagte nur Kurt Mothes Kritik am Vorgehen gegen Mühlpfordt, den Pädagogen Hans Becker und den Sportwissenschaftler Gerhard Lukas. Diese Schritte wurden von einer Pressekampagne gegen Mühlpfordt begleitet. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem „Fall Mühlpfordt“ und anderen bezichtigten Historikern, die keine entsprechende Verfolgung erlitten, lag darin, dass jener kaum Bereitschaft zum Widerruf seines Standpunktes zeigte: er war nicht bereit dadurch die stigmatisierenden Vorwürfe anzuerkennen.

Als Konsequenz für seine Standhaftigkeit wurde Günter Mühlpfordt 1958 seines Amtes als Institutsdirektors enthoben und er erhielt ein Lehrverbot. 1962 wurde er schließlich entlassen mit einem mehr als 20 Jahre dauernden Berufs- und Publikationsverbot belegt. Die Attacken Ulbrichts auf Mühlpfordt dauerten bis 1964 an. Erst 1983 erhielt er wieder eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Seine Forschungen aus dieser Zeit konnte er nach dem Zusammenbruch der DDR publizieren. Mühlpfordt wurde 1996 in die Leibniz-Sozietät der Wissenschaften gewählt, war Mitglied der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und erhielt 2001, 60 Jahre nach seiner Promotion, das Diamantene Doktordiplom der Universität Halle-Wittenberg. Zu Ehren seines 75. Geburtstags wurde eine siebenbändige Festschrift mit zahlreichen Aufsätzen zu seinen Forschungsgebieten und einigen Beiträgen zu seiner Verfolgung in der DDR veröffentlicht.

 

Organisationen: SPD bis 1946; SED 1946–1958

Quellen: 
UAHW, Rep. 11, PA 1307 (Mühlpfordt); UAHW, Rep. 12, Nr. 2583, Gutachten Leo Stern.

Erich Donnert (Hg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt zum 75. Geburtstag Bd. 1. Vormoderne, Köln, Weimar, Wien 1997. 

Ders. (Hg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt zum 75. Geburtstag Bd. 4. Deutsche Aufklärung, Köln, Weimar, Wien 1997. 

Ders. (Hg.): Europa in der Frühen Neuzeit. Festschrift für Günter Mühlpfordt zum 75. Geburtstag Bd. 5. Aufklärung in Europa, Köln, Weimar, Wien 1999. 

Günter Mühlpfordt, Günter Schenk u. Regina Meyer Schenk: Der Spirituskreis [1890–1958]. Eine Gelehrtengesellschaft in neuhumanistischer Tradition. Vom Kaiserreich bis zum Verbot durch Walter Ulbricht im Rahmen der Verfolgungen an der Universität Halle 1957 und 1958, Bd. 2: 1945–1958. Halle 2004.

Friedemann Stengel: Die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staa¬tes bis zu ihrer Umwandlung in Sektionen 1970/71. Leipzig 1998, 260-294.

Margarete Wein im Gespräch mit Günter Mühlpfordt: 1958 – Ein dramatisches Jahr an der Martin-Luther-Universität. Zu Ulbrichts Säuberungsaktion: Der "Fall Mühlpfordt". In: Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte 4 (1998), 72-102.

https://leibnizsozietaet.de/nekrolog-auf-unser-mitglied-prof-dr-guenter-muehlpfordt/

https://www.oei.fu-berlin.de/media/publikationen/boi/boi_11/34_wein.pdf

Autor: AK

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