Johannes Conrad


geboren: 28. Februar 1839 Borkau (Westpreußen)
gestorben: 25. April 1915 Halle
Konfession: evangelisch-lutherisch
Vater: Gutsbesitzer



Seine Kindheit verbrachte Conrad auf dem Gut Plochozin in Westpreußen, mit 12 Jahren kam er auf das Danziger Gymnasium. Durch einen Unfall beim Schlittschuhlaufen, der eine dauerhafte Behinderung zur Folge hatte, musste Conrad das Gymnasium in der Obersekunda verlassen. Sein Wunsch, Landwirt zu werden, blieb daher unerfüllt. Ohne Abitur blieb Conrad nur das Studium der Naturwissenschaften, in Berlin und Jena studierte er vor allem Chemie. Ab dem Wintersemester 1862/63 belegte er in Berlin auch Vorlesungen zur Nationalökonomie, ab 1863 studierte er bei Bruno Hildebrand an der Universität Jena. Hier promovierte er 1864 zum Dr. phil. mit einer kritischen Studie über Liebigs Theorie der Bodenerschöpfung. Studienreisen führten ihn nach Italien, die Schweiz und Frankreich. 1868 habilitierte er sich an der Universität Jena mit einer agrarstatistischen Arbeit. 1870 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt und heiratete eine Tochter Hildebrands. 1872 wurde er als Nachfolger Gustav Schmollers auf ein Ordinariat an der Universität Halle berufen, einen Ruf nach Göttingen lehnte er später ab. 1885/86 war er Rektor der Universität. Conrad befasste sich vor allem mit Fragen der Agrarstatistik und -poltitik, wobei er vor allem die Grenzen statistischer Untersuchungen aufzeigte, um die Verwissenschaftlichung des Faches voranzutreiben. Diesem Schwerpunkt entsprechend arbeitete Conrad eng mit Julius Kühn zusammen, wenn auch keine gemeinsamen Schriften entstanden. Außerdem diente Conrad der deutschen Regierung häufig als Sachverständiger bei den Themen Währung, Zoll und Schulgesetzgebung. Mit seinen Gutachten beeinflusste er die Politik nachhaltig, besonders in der Frage der Schutzzölle setzte er sachliche Maßstäbe gegenüber ideologischen Prämissen durch. Reichskanzler Leo von Caprivi zog sich folgerichtig die erbitterte Feindschaft der Konservativen und Agrarier zu, die letztlich zu seinem Sturz führte. Liberale Grundsätze konnte Conrad auch das Bürgerliche Gesetzbuch einbringen, von 1889 bis 1895 war er in der Kommission tätig, die das BGB vorbereitete. Politisch wirkte Conrad auch im Verein für Sozialpolitik, zu dessen Gründern er gehörte. Seine eigentliche Lebensaufgabe sah er jedoch in der Lehre. Offenbar charismatisch, zog Conrad zahlreiche Studenten aus aller Welt, vor allem Japan, an. Er verfasste mehrere Lehrbücher und Leitfäden (u. a. den »Grundriss zum Studium der politischen Ökonomie«, 1896 ff. sogenannter »Conrad/Hesse«) die sich durch einen hohen Nutzwert, weniger durch theoretische Reflexionen auszeichneten. Sein Ansatz, die Methodik nicht als Selbstzweck zu begreifen, brachte ihm die Verachtung zahlreicher deutscher Fachkollegen ein. International war sein Pragmatismus anerkannt, zu Conrads Schülern zählten zahlreiche spätere Universitätslehrer, neun von ihnen lehrten in den USA, drei in der Schweiz, weitere in Russland, Japan und Österreich. Neben seinen eigenen literarischen Arbeiten betätigte sich Conrad als Herausgeber, nach Hildebrandts Tod edierte er die »Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik«, gemeinsam mit Edgar Loening, Ludwig Elster und Wilhelm Lexis begründete er das mehrfach aufgelegte »Handwörterbuch der Staatswissenschaften« (heute: »Handwörterbuch der Sozialwissenschaften«). 1914 zog sich der Hochgeehrte (Stern zum Roter Adler-Orden 2. Klasse; Stern zum Kronen-Orden 2. Klasse; Russischer Stanislausorden 2. Klasse; Angehöriger mehrerer ausländischer Akademien, Dr. of Laws h.c. der Universität Priceton) von der Lehrtätigkeit zurück. Er wollte, wie er selbst schrieb, nicht den Moment abwarten, an dem die Studentenschaft bemerke, dass er den ihm obliegenden Aufgaben nicht mehr »ganz« gewachsen sei.

Organisationen: Conrad verließ die Nationalliberale Partei, als sich diese auf die Seite der Befürworter der agrarischen Schutzzöllner gestellt hatte.

Quellen: PA 5200 Conrad; Chronik 1. April 1915 bis 31. März 1916, S. 8; NDB Band 3, S. 335; Albert Hesse, Johannes Conrad. In: Mitteldeutsche Lebensbilder, Band 3, S. 497–506; Karl Diehl, Johannes Conrad †. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 1915, S. 737–762; Peter Hertner, Staatswissenschaft – wirtschaftliche Staatswissenschaft – Wirtschaftswissenschaft. Ihre Entwicklung an der Universität Halle-Wittenberg von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. In: Rupieper, Beiträge, S. 85–90.