Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Bild für rechte Spalte: Reitersiegel-Binärcode

Julius Bernstein

geboren:8. Dezember 1839 Berlin
gestorben:6. Februar 1917 Halle
Konfession:israelitisch, später ohne
Vater:Schriftsteller

Julius Bernstein

Julius Bernsteins Vater Aron war Politiker, Schriftsteller und Herausgeber naturwissenschaftlicher »Volksbücher«, als Privatforscher betrieb er in seiner Wohnung ein Laboratorium, in dem Julius Bernstein bereits als Schüler reiche Anregung erfuhr. Er studierte in Breslau und Berlin Naturwissenschaften und Medizin, vor allem Physiologie bei du Bois-Reymond. 1862 promovierte Bernstein an der Universität Berlin mit der Dissertation »De animalium evertebratorum musculis nonulla« zum Dr. med. 1864 erhielt er an der Universität Heidelberg eine Assistentenstelle und habilitierte sich 1865 für das Fach Physiologie. 1869 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt und wechselte 1871 nach der Veröffentlichung der allgemein anerkannten Studie »Untersuchungen über den Erregungsvorgang im Nerven- und Muskelsystem« in gleicher Stellung an die Universität Berlin. Bernsteins bahnbrechende Untersuchungen zur Erregungsphysiologie, insbesondere den Nachweis von Potentialdifferenzen zischen Nerv und Muskel, bewogen die Medizinische Fakultät der Universität Halle, ihn auf Platz 2 der Liste für die Nachfolge Alfred Wilhelm Volkmanns zu setzen. Da der an Platz Eins gesetzte Gelehrte nicht gewonnen werden konnte, forderte das preußische Kultusministerium die Universität auf, zu prüfen, ob tatsächlich ein jüdischer Wissenschaftler berufen werden solle. Es handle sich um einen Verstoß gegen den § 4 der Universitätsstatuten, man möge doch einen gleichermaßen qualifizierten Mann christlichen Bekenntnisses nominieren. Auf Betreiben Alfred Volkmanns teilte die Fakultät Berlin mit, dass man gegen Bernstein und prinzipiell »gegen die Berufung eines Juden« keine »Bedenken« habe. Bernstein wurde dann – wohl als erster Gelehrter jüdischen Glaubens – 1872 an die Universität berufen. 1911 wurde der später Hochgeehrte (korrespondierendes Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften und der Akademie in Florenz, Roter Adler-Orden 3. Klasse, Kronen-Orden 3. Klasse) von den amtlichen Verpflichtungen entbunden. Bernsteins eigentliches Arbeitsgebiet war die Elektrophysiologie. Er publizierte jedoch auch zum Sauerstoffwechsel im Muskel und dem Farbensehen. Bernstein verfasste ein erfolgreiches »Lehrbuch der Physiologie des tierischen Organismus, im speziellen des Menschen« (1894, 3. Auflage 1910) und ein grundlegendes Werk zur »Elektrobiologie« (1912). Populär und auch international erfolgreich wurde sein Buch »Die fünf Sinne des Menschen« (1875). Als Universitätslehrer und langjähriger Vorsitzender der ärztlichen Prüfungskommission plädierte Bernstein gegenüber staatlichen Stellen für eine gründliche universale Ärzteausbildung. Um Studenten die Anforderungen des Studiums zu verdeutlichen, verfasste er einen Leitfaden zum Umgang mit den Prüfungsordnungen.

Quellen: UAHW, Rep.11, PA 4431 (J. Bernstein), UAHW, Rep. 29, Nr. 173; Emil Abderhalden: Dem Andenken von Julius Bernstein gewidmet, in: Medizinische Klinik, Nr. 9 (1917). Zu Aron Bernstein vgl. Julius H. Schoeps, Bürgerliche Aufklärung und liberales Freiheitsdenken: A. Bernstein in seiner Zeit, Stuttgart 1992.

Bild: UAHW

Autor: HE

Zum Seitenanfang