Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Rudolf Disselhorst

geboren: 4. Januar 1854 Rinteln
gestorben: 28. Oktober 1930 Halle
Konfession: evangelisch-reformiert
Vater: Gastwirt und Bierbrauer

Rudolf Disselhorst

Bereits nach drei Jahren musste Disselhorst das Gymnasium verlassen. Er wurde relegiert, da sein Verhalten als eines höheren Schülers »unwürdig« galt und seine Leistung in allen Fächern »schlecht« gewesen seien. Außerdem wird berichtet, dass er sich als Knabe durch eine »außergewöhnliche Faulheit« ausgezeichnet habe. Disselhorst wurde also Landwirt, erlernte das Brauereigewerbe in Holzminden und Höxter, arbeitete als Brauknecht und schließlich als Leiter der Falkenkrug-Brauerei in Dessau. Nach Ableistung des Militärdienstes als Einjährig Freiwilliger bei der Artillerie studierte Disselhorst Tiermedizin in Hannover. Das Studium finanzierte er mit dem kleinen väterlichen Erbe sowie Geigen- und Gesangsunterricht. 1881 legte er das Examen ab, eine Praxis führte er jedoch nur kurz, da er noch im selben Jahr eine Stelle am veterinärmedizinischen Institut des Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Halle antrat. Um Humanmedizin studieren zu können, unterzog er sich 1885 der Reifeprüfung an der Latina der Franckeschen Stiftungen Halle. 1886 gab er die Stelle auf. 1887 promovierte er an der Universität Halle mit einer experimentellen Arbeit über die Diffusion von Blutkörperchen (»Studien über Emigration«) und erhielt eine Anstellung als Prosektor am anatomischen Institut der Tierarzneischule Berlin. Bereits nach einem Jahr musste er diese Schule wieder verlassen, da er die Studenten in unangemessener Weise ob ihrer Stumpfsinnigkeit beschimpft hatte. Seine Studien setzte er in Halle, Rostock und Göttingen fort. In Göttingen hatte er eine Assistentenstelle inne, Geld verdiente er aber auch als Repetitor. Seine Kollegs hielt er in seinem Arbeitszimmer, Pfeife rauchend, mit Schlafrock und Pantoffeln bekleidet ab. 1893 legte er die medizinische Staatsprüfung ab und habilitierte sich in Tübingen für vergleichende Anatomie und Pathologie. 1897 promovierte er mit der Abhandlung »Die accessorischen Geschlechtsdrüsen der Wirbeltiere – Eine vergleichend-anatomische Untersuchung« zum Dr. rer. nat. Da Julius Kühn im selben Jahr Mittel zur Erweiterung des Landwirtschaftlichen Institutes erhielt und die anatomisch-physiologische Abteilung ausbauen wollte, bot er Disselhorst die Stelle eines Abteilungsleiters an und setzte 1898 dessen Ernennung zum außerordentlichen Professor für die Anatomie und Physiologie der Haussäuger durch. Disselhorst, der jetzt als »unermüdlicher« Arbeiter beschrieben wird, baute seine Abteilung und die Tierklinik der Universität zügig aus und verfasste vielfach aufgelegte Bücher zur Anatomie und Physiologie der Haustiere, ein Handbuch der Pferdekunde sowie einen überaus erfolgreichen Leitfaden zur Fleischbeschau. 1909 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt. Disselhorst erhielt den Roten Adler-Orden 4. Klasse, den Titel eines Geheimrates und wirkte ab 1928 als Sekretär der Akademie der Naturforscher Leopoldina. 1924 emeritiert, blieb Disselhorst weiterhin wissenschaftlich aktiv. Sein Vermögen verwendete er für wohltätige Zwecke, eine der Universität zugedachte Stiftung benannte er nach seiner früh verstorbenen Frau Amalie. Politisch stand er rechts, nach der Revolution von 1918 führte er einen regelrechten Kleinkrieg mit den preußischen Wissenschaftsbehörden. Folgerichtig war auch sein aktives Eintreten für das Volksbegehren gegen den Young-Plan. Disselhorst verstarb an einem Schlaganfall, Zeitungsanzeigen verbat er sich ebenso, wie Redner am Grab, denn zur Trauer bestünde kein Anlass.

Quelle: UAHW, Rep. 11, PA 5420 (Disselhorst), darin Artikel der Saale-Zeitung vom 26. November 1934 mit anekdotischen Erinnerungen.

Autor: HE

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