Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Theodor Erismann

geboren: 16. September 1883 Moskau
gestorben: 2. Dezember 1961 Innsbruck
Konfession: evangelisch-reformiert
Vater: Universitätsprofessor

Theodor Erismann

Da der Vater, Professor der Hygiene an der Universität Moskau, wegen Kontaktes zu antizaristischen Studenten Russland verlassen musste, wuchs Erismann in der Schweiz auf. Er besuchte das Gymnasium in Zürich. Das Studium der Physik an der Universität Zürich schloss er mit der Dissertation »Der Einfluss von Zwischenmedien auf die Gravitation« ab. Durch den Psychologen Gustav Störring wurde Erismann für psychologische und philosophische Probleme begeistert, so dass er seine psychologischen Studien in Strassburg und Leipzig fortsetzte. 1912 promovierte er an der Universität Leipzig (bei Felix Krueger) mit der experimentalpsychologischen Dissertation »Untersuchung über Bewegungsempfindlichkeiten beim Beugen des rechten Arms im Ellenbogengelenk« zum Dr. phil. In Strassburg erhielt er eine Assistentenstelle und habilitierte sich hier 1913. Mit seinem Mentor Störring wechselte Erismann 1914 an die Universität Bonn. Während des Ersten Weltkrieges war er an der Universität Halle mit dem Abhalten von Vorlesungen beauftragt, da sich Krueger im Kriegseinsatz befand. Nach dem Krieg kehrte er an die Universität Bonn zurück, 1921 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. 1926 nahm Erismann den Ruf an die Universität Innsbruck auf einen Lehrstuhl für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Psycholgie an. Nach dem »Anschluss« Österreichs blieb er im Amt. Er verlor jedoch die Position des Vorstandes des Philosophisch-pädagogischen Seminars und wurde aus der Prüfungskommission er ausgeschlossen. Da Erismann sich nicht für die NSDAP engagiert hatte, konnte er die Lehre auch nach 1945 fortsetzen.
Im Zentrum von Erismanns wissenschaftlicher Tätigkeit stand der Versuch, naturwissenschaftliche und philosophische Arbeitsmethoden in der Psychologie zu verbinden (»Die Eigenart des Geistigen – Induktive und einsichtige Psychologie«, 1924). Er verfasste zahlreiche, auch populärwissenschaftliche, Schriften zur angewandten Psychologie und zum Lernen des Kindes sowie zur Berufsberatung. In seinen philosophischen Schriften kritisierte er die sittlichen und politischen Entartungen der modernen Gesellschaft (»Der Massenmensch«, 1927; »Massenpsychose und Individuum«, 1930). Von den Erfahrungen des Krieges geprägt war Erismanns Buch »Sein und Wollen – Drei Gespräche über das Gute und das Böse« (1953). Erismann publizierte jedoch auch erkenntnistheorietische Schriften (»Denken und Sein – Problem der Wahrheit«, 1953; »Wahrscheinlichkeit im Sein und Denken: Eine Theorie der Wahrscheinlichkeit und ihrer Geltung im Naturgeschehen«, 1954). Erstaunen riefen Erismanns wahrnehmungspsychologische Untersuchungen hervor. Seine »Innsbrucker Brillenversuche«, in denen er Probanden optisch täuschte (Drehung des wahrgenommenen Bildes um 180 Grad), erbrachten wichtige Aufschlüsse über den Einfluss der Schwerkraft auf das menschliche Sehen. Geehrt wurde Erismann 1953 durch eine Festschrift und durch die Mitgliedschaft in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Organisationen:

Bemerkung: Erismann hatte die doppelte Staatsbürgerschaft (Schweiz und Österreich)

Quellen: Schriften; Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1962, S. 369–374; Personenstandesblatt in der Personalakte des Universitätsarchivs Innsbruck, Auskunft von Peter Goller.

Autor: HE

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