Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Wilhelm Herrmann

geboren: 6. Dezember 1846 Groß-Melkow (Altmark)
gestorben: 2. Januar 1922 Marburg
Konfession: evangelisch-lutherisch
Vater: Pfarrer

Wilhelm Herrmann

Durch zahlreiche theologische Debatten im Haus des Vaters angeregt, studierte Herrmann nach dem Besuch des Gymnasiums in Stendal an der Universität Halle Theologie und Philosophie. 1869 bestand er eine Stipendiatenprüfung mit Auszeichnung und wurde von Friedrich Tholuck als »Amanuensis« angenommen. 1870/71 leistete er als Freiwilliger Kriegsdienst. Nach der Rückkehr legte Herrmann das erste theologische Examen ab und trat eine Stelle als Hauslehrer in Unseburg (Kreis Wanzleben) an. 1874 wechselte er als Lehrer an das Stadtgymnasium in Halle. Durch Max Besser wurde Herrmann näher mit der Theologie Albrecht Ritschls, insbesondere mit dessen Lehre von der Rechtfertigung und Versöhnung bekannt. 1875 promovierte er mit der Dissertation »Gregorii Nysseni sententiae de salute Adipiscenda« zum Lic. theol. und erhielt die Lehrberechtigung. 1877 gab Herrmann die Stelle am Gymnasium auf, um sich ganz der Tätigkeit als Privatdozent zu widmen. 1879 wurde er als ordentlicher Professor für systematische Theologie nach Marburg berufen, Rufe an andere Fakultäten lehnte er später ab. Von 1881 bis 1910 wirkte er als Ephorus der Stipendienanstalt Marburg, mehrfach war er Dekan der Theologischen Fakultät. 1890/91 amtierte er als Rektor. Herrmann setzte sich kritisch mit den metaphysischen und mythologischen Grundlagen der christlichen Religiosität auseinander (»Die Metaphysik in der Theologie«, 1876). Theologie war für ihn, so Uwe Stenglein-Hektor, »Ausdruck des religiösen Selbstbewusstseins der Gläubigen«. Fußend auf historischen Annahmen formulierte in der Auseinandersetzung mit Hermann Lotze und Albrecht Ritschl streng rationalistische, logische, aber auf Werturteilen beruhende Systemgebäude. Christlich sittliches Handeln war für ihn maßgeblich kulturprägend, folgerichtig engagierte sich Herrmann publizistisch stark für die Ausgestaltung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Anerkennung fanden vor allem Herrmanns systematische Darstellung »Ethik« (1901, mehrere Auflagen) und die Studie »Der Verkehr des Christen mit Gott im Anschluss an Luther dargestellt (1886, 4. Auflage 1903). Das Alterswerk des mit mehreren Doktorwürden (u. a. von den Universitäten Chicago und Christiana) geehrten, war eine Biographie Martin Luthers (»Der Sinn des Glaubens an Jesus Christus in Luthers Leben«, 1918). Postum erschienen die »Gesammelten Aufsätze« (1923). Wenn auch Herrmanns Werk mittlerweile kritisch betrachtet wird, ist jedoch seine Wirkung auf verschiedene theologische Strömungen des 20. Jahrhunderts unbestritten.

Quellen: UAHW, Rep. 27, Nr. 849; Habilitationsschrift; www.bautz.de; Catalogus professorum academiae Marburgensis, S. 25 f.; Uwe Stenglein-Hektor, Religion im Bürgerleben: Eine frömmigkeitsgeschichtliche Studie zur Rationalitätskrise liberaler Theologie um 1900 am Beispiel Wilhelm Herrmann, Münster 1997.

Autor: HE

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