Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Erich Jaensch

geboren: 26. Februar 1883 Breslau
gestorben: 1. Februar 1940 Marburg
Konfession: evangelisch
Vater: Praktischer Arzt

Erich Jaensch

Jaensch besuchte Gymnasien in Schweidnitz und Jena (Reifeprüfung 1902). Er studierte in Breslau, Tübingen, Jena und Göttingen Naturwissenschaften und die angrenzenden medizinischen Fächer sowie Philosophie und Mathematik. 1908 promovierte er an der Universität Göttingen mit der wahrnehmungspsychologischen Dissertation »Experimentelle Analyse des Aubert-Foersterschen Gesetzes« zum Dr. phil. 1910 habilitierte er sich in Strassburg, 1912 folgte die Umhabilitierung nach Halle, wo er mit der Vertretung Felix Kruegers beauftragt war. 1913 wurde Jaensch als ordentlicher Professor für Philosophie an die Universität Marburg berufen. Rufe an die Universitäten Wien und Göttingen lehnte Jaensch ab, 1938 wurde seine Venia legendi auf das Fach Pädagogik ausgedehnt.
Jaensch warb in der Weimarer Republik für die Installierung der von ihm vertretenen psychologisch orientierten Anthropologie, die er als kulturpolitisches Heilmittel gegen die von der modernen Gesellschaft ausgehende »Zerspaltung der menschlichen Totalität« empfahl. Er argumentierte dabei durchaus marxistisch, wenn er auch dessen Lehre vom »ökonomischen Ballast« befreit sehen wollte. Praktisch engagierte er sich für die Ausschöpfung des Begabtenpotentials der Unterschichten und baute an der Universität Marburg das pädagogisch-psychologische Institut auf. In der NS-Zeit förderte er die Wehrmachtspsychologie, sowohl durch die Ausbildung von Heerespsychologen als auch durch die wohlwollende Begutachtung entsprechender Kandidaten für Lehrstühle. »Charakterkunde« sah er jetzt als Lehre von rassisch bedingten Typen, Intelligenztests in ihrer bisherigen Form lehnte er als »jüdische Wissenschaft« ab. Ins Absurde glitten die von ihm angeregten Dissertationen ab: Jaensch Schüler untersuchten das Verhalten von »südländischen« und »nordischen« Hühnern, da der Hühnerhof als »Forschungs- und Aufklärungsmittel in menschlichen Rassefragen« galt.
In die politische Diskussion griff Jaensch seit 1931 parteinehmend für die NSDAP ein. Nach der Machtübernahme der Partei profilierte er sich mit mehreren Denkschriften auf politischem und wissenschaftlichem Gebiet (»Die Wissenschaft und die deutsche völkische Bewegung«, 1933; »Die Lage und Aufgabe der Psychologie«, 1934). Armin Mohler ordnete ihn wegen seiner radikalen Ablehnung der Demokratie der »Konservativen Revolution« zu, in Kollegenkreisen galt Jaensch, wie es 1937 in einem Berufungsvorschlag der Universität Göttingen hieß, als »aktiv tätiger Nationalsozialist«. Vom Amt Rosenberg wurde er als »Deutschnationaler« gesehen, der das »Revolutionäre im Nationalsozialismus niemals auch nur von Ferne zu verstehen mochte«.

Organisationen: 1932 Kampfbund für deutsche Kultur, Förderndes Mitglied der SS; 1933 NSLB, zum 1. Mai 1933 Aufnahme in die NSDAP (Mitglied Nr. 2 828 444); 1936/37 Vorsitzender der Gesellschaft für Psychologie

Quellen. BA R 4901/13267; Catalogus professorum academiae Marburgensis, Band 2, S. 532; Rainer Paul, Psychologie unter den Bedingungen der »Kulturwende«: Das Psychologische Institut 1933–1945. In: Becker u. a. Göttingen, S. 514; Mohler, Konservative Revolution, S. 312; Tilitzki, S. 56, Geuter, S. 282, 443, 501.

Autor: HE

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