Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Ernst Kohlschütter

geboren: 26. Dezember 1837 Dresden
gestorben: 7. September 1905 Bad Salzschlirf
Konfession: evangelisch-lutherisch
Vater: Arzt

Ernst Kohlschütter

Zunächst erhielt Kohlschütter Unterricht vom Vater und einem Hauslehrer, 1850 trat er in die Fürstenschule St. Afra ein. 1856 legte er die Reifeprüfung ab. Da der Vater 1853 gestorben war, entschied sich Kohlschütter trotz einer starken Neigung zur griechischen Philologie für den Arztberuf und studierte an der Universität Leipzig Medizin. Ermöglicht wurde ihm das Studium durch Stipendien und großzügige Unterstützung von einstigen Patienten des Vaters. 1862 promovierte er an der Universität Leipzig mit einer Dissertation über die Festigkeit des Schlafs zum Dr. med. Sein entfernter Verwandter Theodor Weber bot Kohlschütter eine Assistentenstelle in der Universitätspoliklinik an. 1864 erhielt Kohlschütter die preußische Approbation als Wundarzt und Geburtshelfer und wurde 1865 naturalisiert. 1866 habilitierte er sich an der Universität Halle für das Fach innere Medizin mit einer Untersuchung über den Typhus Abdominalis. An der Universität leitete er die klinische Propädeutik und unterrichtete Balneologie. Während des Krieges 1870/71 war Kohlschütter freiwilliger Arzt (ausgezeichnet mit der Kriegsdenkmünze für Nichtkombattanten). 1875 wurde er zum außerordentlichen Professor, jedoch ohne Besoldung, ernannt. Für die Universitätspoliklinik beschaffte Kohlschütter zahlreiche Behandlungsgeräte, u. a. mehrere Inhalationsapparate für Tuberkolosekranke. Wegen der Nichtwirksamkeit des Tuberkulinserums griff Kohlschütter Robert Koch massiv an, worauf hin das Kultusministerium eine Stellungnahme der Fakultät einholte. Obwohl sich die Universität hinter Kohlschütter stellte, war dessen wissenschaftliche Karriere damit beendet. Doch Kohlschütter, der als ausgezeichneter Arzt galt, sah seinen Beruf ohnehin nicht als wissenschaftliche, sondern als caritative Aufgabe. Er engagierte sich in zahlreichen städtischen Gremien, Kommissionen und Vereinen. Gegen den Widerstand wohlhabender Bürger setzte gemeinsam mit Oberbürgermeister von Voß den Bau einer Wasserleitung und den Ausbau der Kanalisation durch. Auf Kohlschütters Grundwasseruntersuchungen geht die Wahl der Elsteraue bei Beesen als Entnahmestelle zurück. Von der Chorleraepidemie 1873/74 blieb Halle dadurch im wesentlichen verschont. Kohlschütter initiierte auch die Schaffung einer Ferienkolonie für arme, in der körperlichen Entwicklung zurückgebliebene, Kinder. 1880 reisten die ersten Kinder in den Harz, 1905 waren es bereits 250. Ein besonders Anliegen war ihm die Schaffung von Volksküchen und Volkskaffeehallen, in denen kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Gemeinsam mit Johannes Conrad gründete er eine Volkslesehalle. Als Mitglied des Kuratoriums für das städtische Museum regte er den Ausbau der Moritzburg zum Museum an. Politisch war Kohlschütter im liberalen Verein tätig, zu dessen Vorsitzenden er 1879 gewählt wurde, das Amt aber bald niederlegte. Von 1892 bis zu seinem Tod war er Stadtverordneter. Als Vorsitzender des Vereins für das Volkswohl (seit 1885) engagierte sich Kohlschütter für die Besserstellung der Arbeiter und wurde folgerichtig wegen reformistischer Auffassungen von der Sozialdemokratie bekämpft. Der Nachruf in der Universitätschronik wies ausdrücklich darauf hin, dass Kohlschütter durch seine politische Betätigung keine Nachteile gehabt habe, gefördert wurde sein Engagement jedoch in keiner Weise. Die im Nachruf erwähnten häufigen Ausbrüche von »Zorn und tiefer sittlicher Entrüstung« gegen »Niedrigkeit und Gemeinheit« trugen ihm darüber hinaus den Ruf eines Außenseiters ein. Immerhin registrierte man wohlwollend Kohlschütters »ungewöhnlich weiten Gesichtskreis« und seine »auch unter den akademisch Gebildeten recht seltene Feinheit und Vielseitigkeit der geistigen Bildung«. Nicht verschwiegen werden soll, dass Kohlschütter, der selbst fünf Kinder hatte, vier Pflegekinder aufnahm und über zwei weitere die Vormundschaft übernahm. Kohlschütter starb während eines Kuraufenthaltes an einem Herzinfarkt.

Quellen: UAHW, Rep. 11, PA 9249 (Kohlschütter); Chronik 1905/06; S 18.

Autor: HE

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