Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Heinrich Leo

geboren: 19. März 1799 Rudolstadt
gestorben: 24. Februar 1878 Halle
Konfession: evangelisch-lutherisch
Vater: Garnisonsprediger

Heinrich Leo

Leo besuchte das Gymnasium in Rudolstadt, das Studium ermöglichte ihm die Fürstinwitwe Karoline-Luise von Schwarzburg-Rudolstadt. Er studierte ab 1816 in Breslau Medizin, nach einem Besuch bei Friedrich Ludwig Jahn entschied er sich für den Lehrerberuf. Daher studierte er in Jena Philologie, Geschichte und Theologie. Als Angehöriger der Burschenschaft nahm Leo am Wartburgfest teil. Nach dem Attentat seines Hausgenossen Karl Ludwig Sand auf den Dichter August von Kotzebue änderte er seine politischen Auffassungen. Er floh vor den Untersuchungsbeamten ins Hannoversche Göttingen, nach der Fürsprache seiner fürstlichen Gönner konnte Leo nach Jena zurückkehren. Er legte die theologische Staatsprüfung ab und promovierte 1820 an der Universität Jena mit einer byzantinistischen Dissertation über Johannes Grammaticus zum Dr. phil. Danach war er als Hilfsarbeiter in der Universitätsbibliothek Berlin beschäftigt. 1822 habilitierte er sich an der Universität Erlangen für das Fach Geschichte mit der Schrift »Die Entwicklung der lombardischen Städteverfassung bis zur Ankunft Kaiser Friedrichs I. in Italien«. Ermöglicht wurde ihm die Habilitation erst nach einer Bürgschaft des Rudolstädter Hofes. Nach einer längeren Italienreise auf Kosten der Fürstin, protegiert durch Freunde und Verwandte sowie durch die Fürsprache Hegels wechselte Leo 1824 als Privatdozent für Geschichte an die Universität Berlin. Hier war er zugleich Sekretär von Hegels »Akademie« und Redakteur der »Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik«. Einen Ruf an die Universität Dorpat lehnte er ab. 1825 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. 1826 trat Leo eine Stelle als Collaborator an der königlichen Bibliothek an. Im selben Jahr gab er die Briefe Macchiavellis heraus, mehrere seiner Rezensionen führten zu heftiger Kritik der Altkonservativen an seinen neuabsolutistischen Geschichtsinterpretationen. Seine kühl-rationalen, abstrakt-verallgemeinernden Anschauungen legte er in einer publizistischen, Aufsehen erregenden Auseinandersetzung mit Leopold von Ranke dar. Anerkennung in konservativ-antisemitischen Zirkeln verschafften ihm seine 1827 gedruckten Vorlesungen über jüdische Geschichte. Ein Nervenzusammenbruch, verursacht durch scheinbar grundlose Eifersucht, beendete Leos Karriere in Berlin. Aus Rudolstadt wandte er sich 1828 an den Preußischen Kultusminister von Altenstein und bat um die Möglichkeit der Rückkehr nach Berlin. Dieser ordnete die Anstellung Leos als außerordentlicher Professor an der Universität Halle an. 1830 wurde er zum ordentlichen Professor für Geschichte ernannt. Das Vertrauen des Preußischen Staates rechtfertigte Leo durch kämpferische Loyalität: er verdrängte mehrere liberal eingestellte Kollegen und betrieb eine systematische Förderung konservativ gesinnter, nicht immer gut qualifizierter Nachwuchskräfte. An der Universität führte das zu heftigen Auseinandersetzungen, einem Freund schrieb Leo in dieser Zeit, dass er sich »mit den liberalen Leuten« herumraufe, »solange Klingen und Fäuste halten wollen. Meine Haut trage ich gern zu Markte.« Während der 1848er Revolution wurde Leo vom Königshaus als politischer Gutachter befragt. Im Nachlass Friedrich Wilhelms IV. fanden sich zwei seiner Ausarbeitungen zur Nationalitätenfrage und zur Arbeit des Frankfurter Parlaments. Den deutschen Nationalstaat lehnte er darin als unerreichbare Fiktion ab, statt dessen empfahl Leo die Stärkung des preußischen Militärs und die Angliederung norddeutscher Territorien, um eine preußische Großmacht zu schaffen. Das Paulskirchenparlament werde sich, wie er hellsichtig voraussagte, in utopischen Forderungen zerstreiten, an Handlungsfähigkeit einbüßen und zunehmend in Isolation geraten. Es sei daher zweckmäßig, abzuwarten und zunächst nicht militärisch gegen die demokratischen Bestrebungen vorzugehen. In der Restaurationsepoche war Leo mehrfach Dekan der Philosophischen Fakultät, 1853/54 amtierte er als Prorektor und 1854/55 als erster Rektor nach der Wiedereinrichtung des Amtes. Nach wie vor betrieb er Personalpolitik: noch 1859 schikanierte er den linksliberal eingestellten Literaturhistoriker Robert Prutz derart, dass dieser seine außerordentliche Professur aufgab. In der »Neuen Ära« der preußischen Wissenschaftspolitik geriet Leo jedoch selbst zunehmend ins Abseits, nicht zuletzt durch den aussichtslosen Kampf gegen die Modernisierung des Medizinstudiums und die aufkommenden Naturwissenschaften. Die Universität sei schließlich, so Leo, keine Ausbildungsstätte, sondern betreibe »Wissenschaft für sich und ohne alle Rücksicht auf praktische Nützlichkeit«. Die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Instituts, empfand er als »Ausschlagskrankheit« am Körper der Universität. Leo, der seit 1863 der konservativen Fraktion im Preußischen Herrenhaus angehörte, lehnte auch die Teilnahme an einer Gedenkfeier zur Völkerschlacht in Leipzig ab. Er werde nicht hinter einem schwarz-rot-goldenen »Lappen« hinterher marschieren. Studenten zweifelten an seiner geistigen Gesundheit, als er bei der Erwähnung des Todes Ludwigs XVI. in einer Vorlesung in Tränen ausbrach. Nach mehreren Schlaganfällen gab Leo die Lehrtätigkeit 1873 auf.
Als Universitätslehrer war Leo geistvoll funkelnd, aber ohne wissenschaftliche Substanz. Seine Vorlesungen hätten sowohl durch ihren Inhalt wie durch seine charaktervolle Persönlichkeit einen »eigentümlichen Zauber« ausgeübt, urteilten einstige Schüler rückschauend. In seinen Büchern zur »Geschichte des Mittelalters« (1830) und der »Geschichte Italiens« (1829) verklärte er romantisch das mittelalterliche Kaisertum. Auch die Werke »Geschichte des deutschen Volkes und Reiches« (1854–1866), »Zwölf Bücher niederländischer Geschichte« (1832–1835) und sein »Lehrbuch der Universalgeschichte« (1849–1853) waren Erzählung, nicht Wissenschaft. Selbst der wohlmeinende Nachruf in der Universitätschronik attestierte dem Historiker Heinrich Leo zwar einen »originalen Geist«, aber eine unangemessen »starke subjektive Färbung des Tones«.

Bemerkung: Weber gibt den 24. April 1878 als Sterbedatum an, Brichzin den 14. April.

Quellen: Schriften; Hans Brichzin, Heinrich Leo (1799–1878), Phil. Diss. Universität Halle 1972; Weber, Biographisches Lexikon zur Geschichtswissenschaft, S. 345; Chronik 1877/78, S. 12 f.

Autor: HE

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