Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Ansprache zur Enthüllung der Gedenkstele für die von politischer Verfolgung in SBZ und DDR betroffenen Angehörigen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 17. Juni 2019

Rita Süssmuth

Verehrte Versammelte, universitäre Gemeinschaft sag ich, weil es eine Community ist, die heute etwas tut, was sie vielleicht schon längst hätte tun können.

Es ist wichtig, dass wir nicht aufhören uns zu erinnern, daran, dass gerade diejenigen, die Widerstand gezeigt haben, die im Sinne des Franzosen [Stéphane] Hessel – Empört Euch und engagiert Euch! – den Mund aufgemacht haben, ein Wagnis mit bitteren Folgen eingegangen sind. Sie drohten schnell musealisiert zu werden. Mit „musealisiert“ meine ich: Wir haben Euch gedankt, West und Ost, wir haben Eure Leistungen verbal betont, aber wir haben Euch nicht in eurem eigentlichen Bewusstsein erschlossen. Warum Ihr es gemacht habt, was in Euch diesen Mut so stark gemacht hat. Und eigentlich ist ja gerade die Universitas, ein Ort, an dem eben dies besonders zum Ausdruck kommen muss. Ich denke, dass es ganz wichtig ist, auch nach dem, was wir in den Reden, nicht nur der Zeitzeugen, sondern gerade der Gedenkrede gehört haben, dies niemals zu vergessen. Insofern beglückwünsche ich Sie zu dieser Stele, welche in ihrer Schlichtheit übrigens sehr schön geworden ist.

Ich erlebe diesen Teil Deutschlands als völlig verkannt, in seiner Vielschichtigkeit, in seinem Können und in seinen Leistungen. Dies habe ich anhand Biographien von Frauen aller Altersgruppen unlängst wieder erlebt. Ich habe hier im Kuratorium erleben dürfen, was die Universitäten in Ostdeutschland geleistet haben und dabei sind zu leisten. Ich freue mich auch, dass endlich nicht mehr gesagt wird: „Die sind noch lange nicht reif genug für Exzellenzen, sondern, dass man sich wieder einmal getäuscht hat“. Und insofern möchte ich, bevor ich noch ein paar ernste Worte sage, zunächst einmal Sie beglückwünschen, so wie Sie hier sind und wenn die Kommission länger brauchte, so war das auch an der TU Berlin so. Noch länger haben wir im Bundestag gebraucht um einen gemeinsamen Konsens zu finden, ohne dabei dem Anderen seine Meinung zu nehmen. Dies ist so leicht gesagt, doch gleichzeitig so schwierig herzustellen.

Ich stehe hier, weil es mir auch wichtig ist, dass wir nicht aufhören, diese Erinnerung zu praktizieren. Und wenn ich sage „praktizieren“, dann meine ich „Stellung nehmen“, das Wort ergreifen und unseren Studenten nicht nur zu sagen: für die Karriere ist eines wichtig: Euer kognitives Können, denn das ist völlig verfehlt. Kopf, Emotion und soziales Verhalten gehören zusammen, beides steckt im Begriff des intelligenten Menschen, des nachdenkenden Menschen und deswegen ist es so wichtig, dass wir uns nicht in einen elfenbeinernen Turm zurückziehen, sondern uns aktiv in den Diskurs einbringen. Sich der Verantwortung zu entziehen, frei nach dem Motto: Wir sind für die Wissenschaft zuständig und das andere mögen andere machen, vor allem die Politik, dann können wir sie auch kräftig kritisieren – kann nicht der richtige Ansatz sein. Es geht darum, dass wir alle als Bürger und Bürgerinnen verantwortlich sind für das, was im Augenblick ja wieder im Umbruch ist.

Die heutige Gedenkveranstaltung findet ja nicht zu irgendeinem Zeitpunkt statt, sondern in einer Situation, in der wir noch nicht wissen, wie die nächsten Monate und Jahre aussehen, oder wie lange der Frieden noch anhält. Wir befinden uns in einer Zeit, in welcher unsere Autokraten und autoritären Herrscher nach altem Muster die Welt besetzen, und wir wieder vermeintlich machtlos zu versagen drohen. Sei es Lampedusa, der Umgang der europäischen Mitgliedsstaaten mit Geflüchteten, oder auch wir Deutsche, die wir Afghanistan oder Eritrea zu einem sicheren Herkunftsland erklären. Das heißt, diese Themen gehören mitten hinein in die Universität und seien wir vorsichtig mit Urteilen und Verurteilungen. Jeder von uns muss sich selbst fragen, wie habe ich denn bisher gehandelt und wie hätte ich gehandelt, wenn ich in solch einer Situation gewesen wäre. Denken Sie an Eltern, die ja nicht mehr nur für sich, sondern für ihre Kinder fragten: Studium – schon als Dissident aufgefallen – fällt aus. Ich muss sagen, mich hat es sehr betroffen gemacht, in welcher Weise wir bei aller Freude, wieder vereint zu sein, meinten, uns nicht die Zeit nehmen zu können, die Dinge von beiden Seiten zu beleuchten. Ich gebe zu, ja, vielleicht war diese Tür nur für einen kurzen Zeitraum geöffnet, aber ich bin froh, dass wir in der Zeit nach 89, immerhin sind es 30 Jahre, doch die Erfahrung machen konnten, und da muss ich sagen, dass auch in dieser freiheitlicheren Gesellschaft niemand ganz frei ist, zu wissen wer wir sind. Ich muss Ihnen sagen, als ich erst nur das Weinen und Danken erlebte, habe ich gedacht, hoffentlich werden die mal irgendwann wieder rebellisch, sonst kommen wir gar nicht zusammen.

Und es passierte, dass uns dann auch Frauen sagten: Ihr habt überhaupt keine Ahnung von uns, euren Feminismus haben wir schon längst praktiziert. Aber ich denke, dass bei allem, was gegenwärtig als die noch nicht gefundene Identität bestimmt wird, die eigentliche Identitätsbildung doch schon ein großes Stück weiter ist als wir annehmen. Wir können es nur gemeinsam schaffen,dieses Gefühl Stück für Stück zu etablieren und zu verbreiten. Ob in der Wissenschaft, in der Praxis oder vor allen Dingen in unserer Zwischenmenschlichkeit können wir dies nur erreichen, wenn wir einander zuhören und versuchen einander zu verstehen. Nicht mit jener Brutalität – sowohl verbal als auch physich –, wie sie wieder in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist.

Ich danke Ihnen herzlich, dass ich kurz nochmal zu Ihnen reden durfte und beglückwünsche Sie zu diesem Ereignis. Alles Gute Ihnen, den Hallensern, ich bin mit Ihnen sehr verbunden, ich sage Ihnen auch ganz offen, es war Genscher, der dazu maßgeblich beigetragen hat und es sind auch seine Schüler und Schülerinnen, die heute noch aktiv sind. Dankeschön!

Prof. Dr. Rita Süssmuth

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