Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Zeitzeugnis

Sehr geehrte Anwesende!

Ich freue mich, dass wir heute hier zusammen sind – zum Danken. Vielleicht wundern Sie sich, weshalb gerade ich als Zeitzeugin vor Ihnen stehe. Meine Antwort: Zum Danken.

Danken

  • Freund Max Schwab und Sybille Gerstengarbe. Sie haben mich erschüttert durch ihr Wissen um unsere Eltern Ruth und Hans Gallwitz in den 1950er Jahren. Ich fing an, Dokumente zu suchen.
  • Rolf Lorenz, dass er Feuer fing.
  • Jürgen Runge und Roswitha Hinz, dass sie mitmachten in unsrer kleinen Initiativgruppe, die bei mir im Wohnzimmer begonnen hatte.
  • Friedemann Stengel, der unsere Idee einer Gedenktafel so aktiv unterstützt hat.

Was hatte mich erschüttert?

Rektor Stern hatte bereits 1952 eine „befristete oder völlige Suspendierung“ unseres Vaters beantragt mit folgendem Satz:

„Mit Bedauern muss ich feststellen, dass seitens des Staatssekretariats entgegen allen Vorsätzen nicht nur nichts getan wurde, um einen notorischen Schädling der gesamten Arbeit unserer Universität unschädlich zu machen“.

Vater – ein „Schädling“ – was für ein Schock.

Dabei waren unsere Eltern keine Draufgänger. Vater war ein heiterer, bescheidener und bedächtiger Mensch, mit einem starken Glauben und Verantwortungsbewusstsein. Vater und Mutter verband eine bewundernswerte Offenheit, die beide tolerant und solidarisch machte mit Menschen in Not. Dadurch wurden sie zur Anlaufstelle für viele mit Sorgen, besonders auch politischen. 

Dazu gehörten Gefährdete, Verhaftete und zum Verhör Bestellte, deren Abtransport er auf deren Bitte nachts heimlich beobachtete.

Dass Vater Opfern politischer Willkür half, ahnten wir Kinder, aber dass er schon so früh selbst zum Verfolgten wurde, haben unsre Eltern sehr erfolgreich verheimlicht und wir haben sicher auch nicht danach gefragt. Wir hatten unsere eigenen kleinen Problemchen im Vergleich zu unsern Eltern und zu vielen Kommilitoninnen und Kommilitonen.

Vater strahlte eine innere Freiheit durch seinen Glauben aus. Unsere Eltern lebten aus ihrer tiefen Überzeugung, dass sie auf Grund ihrer christlichen Werte eine ethische Verantwortung haben, auch gegen politische Widerstände.

1958, also sechs Jahre nach seinem ersten Versuch, unseren Vater Hans Gallwitz los zu werden, leitete Rektor Stern wieder ein Verfahren gegen ihn ein, dieses Mal ein Disziplinarverfahren, das endlich zu Vaters Entlassung führen sollte.

Es führte zu seinem Tod.

Zu der Zeit hatte Vater schon viele aufreibende Sitzungen, Verleumdungen, Angriffe und persönliche Entwürdigungen herbeigeholter Scharfmacher hinter sich, die seine physische und seelische Gesundheit untergraben hatten. Auf dem Weg zurück nach Halle zu einer wichtigen, vielleicht entscheidenden Senatssitzung starb er auf dem Bahnhof in Leipzig an einer Lungenembolie.

Und das hatte er getan:

Als Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät meldete er alle „verschwundenen“ Studenten dem Rektor und bat um sofortige Aufklärung und Hilfe. Aber das waren in den Augen der Leitung ja Verbrecher oder politisch vom Westen geheuerte Agenten.

Er war Mitglied des Spirituskreises.

Auch stand unser Vater der Evangelischen Studentengemeinde sehr nahe, sogar so nah, dass alle neugewählten Vertrauensstudenten sich ihm vorstellten.

Er war ein Bürgerlicher – und das war ein Schimpfwort.

Hier eine heitere Zwischenbemerkung aus dem Jahr 1953, von Rolf Lorenz erinnert: Die Vertrauensstudenten der Studentengemeinde organisierten eine Vortragsreihe zum Thema: „Was ist der Mensch?“ Der Zulauf aus der ganzen Stadt war enorm . Unser Vater war einer von vier Vortragenden. Aber er war auch bereit, der Universität ein Schnippchen zu schlagen. Er lieh sich das offizielle Auto, um die Berliner Religionsphilosophin Liselotte Richter, die gehbehindert war, von Berlin zu holen. Rolf und mein Bruder Klaus fuhren mit. Das war damals ein Abenteuer. Und die Universität hat es nicht entdeckt.

Die Studentengemeinde war damals in jeder Beziehung unsere geistig-geistliche Heimat. Eine besondere Gruppe ging aus ihr hervor. Das war der „Teekreis“. In der gesamten Zeit der DDR blieb er zusammen und löste sich erst vor zwei Jahren auf. Rolf Lorenz, Jürgen Runge und Roswitha Hinz gehörten dazu, wie einige andere hier im Raum. Im „Teekreis“ unterstützten sie sich gegenseitig. Alle verband ihr Verzicht auf eine berufliche Karriere. Bewunderung und Dank für ihre Widerstandskraft!

Seit mein Mann und ich 2003 dazu stießen, bewegten mich die vielen persönlichen Schwierigkeiten der in der DDR Gebliebenen. Ich begann nach Dokumenten und Protokollen zum Schicksal meiner Eltern zu suchen. In diese Zeit fiel der Besuch von Rosemarie und Rolf Lorenz bei uns. Ich zeigte ihnen den oben zitierten Brief von Rektor Stern und was ich an anderm Material schon gefunden hatte, und Rolf fing Feuer. 2005 begannen wir beide das Projekt Gedenktafel. Rolf war der Aktivste von uns. Heute fehlt er uns. Er starb vor ca. zwei Jahren. Dank auch ihm!

2009 waren wir zu einer vierköpfigen Initiativgruppe gewachsen. Wir wollten öffentlich in Dankbarkeit unserer Lehrenden in den 50er Jahren gedenken, die sich für politisch Verfolgte so eingesetzt hatten, dass sie dadurch selbst zu Schaden kamen.

Einige Jahre später übernahm die Rektoratskommission für die Aufarbeitung der Universitätsgeschichte in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts der Universität unseren Vorschlag einer Gedenktafel. Heute ist daraus dieses die ganze DDR-Zeit umfassende Projekt geworden.

Vielen, sehr vielen gebühren Dank und Anerkennung: den Mitgliedern der Kommission, dem Künstler Joachim Dimanski, dem Rektorat, dem Senat.

Unser großer Dank gilt allen, die sich in den 50er Jahren

  • für freie Meinungsbildung aller, besonders ihrer Studierenden eingesetzt haben,
  • für Freiheit des Forschens ohne politischen Zwang (und für Geologen ohne geografische Einengung),
  • stattdessen für Gedanken-, Rede- und Gewissensfreiheit,
  • für ihren Einsatz für Verfolgte in ihrem Umfeld. Viele zahlten einen hohen Preis dafür.

Mein persönlicher Dank gilt unsern Eltern, dass wir in den 50er Jahren als Jugendliche von ihren seelischen und politischen Belastungen selbst so wenig belastet wurden. Ihr Leben war ein Leben in Fülle. Auch wenn sie im Widerstand leben mussten.

Uns bleibt ihr Vorbild und Vermächtnis: Einmischen heute für uns und unsere Kinder und Enkel. Und die Zukunft unserer Erde.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Ingeline Nielsen

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