Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Wilhelm Roux

geboren: 9. Juni 1850 Jena
gestorben: 15. September 1924 Halle
Konfession: evangelisch
Vater: Universitätfechtlehrer

Wilhelm Roux

Roux besuchte das Stoysches Erziehungsinstitut in Jena, dann die Oberrealschule in Meiningen. Er studierte Naturwissenschaften an der Universität Jena, besonders Zoologie bei Ernst Haeckel. Zugleich bereitete er sich auf das Abitur vor. 1870/71 leistete er freiwillig Kriegsdienst, zunächst in einem Infanterieregiment, dann als Lazarettgehilfe. 1872 legte er extern, erforderlich war eine besondere Genehmigung des Herzogs von Meiningen, das Abitur ab. Danach studierte er Medizin an den Universitäten Jena, Berlin (vor allem bei Rudolf Virchow) und Straßburg. 1877 legte er das Medizinische Staatsexamen ab und erhielt die Approbation als Arzt. 1878 promovierte er mit einer Dissertation über die Verzweigung der Blutgefäße zum Dr. med. Er erhielt eine Assistentenstelle am hygienischen Institut Leipzig und wechselte später in gleicher Stellung an das anatomische Institut der Universität Breslau. 1880 habilitierte er sich in Breslau mit der Arbeit »Über die Leistungsfähigkeit der Prinzipien der Descendenzlehre zur Erklärung der Zweckmäßigkeiten des tierischen Organismus«, in der er neben der Selektion die funktionelle Anpassung als wichtiges Moment bei der Differenzierung der Organismen hervorhob. 1880 wurde er zum Direktor des entwicklungsgeschichtlichen Instituts der Universität Breslau ernannt, des ersten dieser Art in Deutschland. Bekannt wurde Roux mit einer Theorie über die Herausbildung des Embryos aus dem Ei, die er mit zahlreichen Experimente an Froschlaich untermauerte. U. a. widerlegte er 1884 die gängige Vorstellung, dass die Schwerkraft für die Entwicklungsvorgänge entscheidend sei. Im selben Jahr gründete er das Archiv für Entwicklungsmechanik (30 Bände bis 1910, heute unter dem Titel Development Genes and Evolution). 1886 erhielt er den Professorentitel. 1889 nahm er den Ruf auf ein Ordinariat an der Universität Innsbruck an. Programmatisch war seine 1892 veröffentlichte Schrift: »Ziele und Wege der Entwicklungsmechanik«.1895 erhielt er einen Ruf an die Universität Halle auf den Lehrstuhl für Anatomie. Roux sah seine Tätigkeit durchaus weltanschaulich, er versuchte zu ergründen, »wie weit man in der Erklärung des Gestaltungs-Geschehens ohne zwecktätiges Agens, ohne Schöpfer, Entelechie, Archaeus usw. kommen kann.« Zunächst angefeindet, aber von Darwin und Haeckel durchaus geschätzt, wurde Roux’ 60. Geburtstag zum Triumph. Eine zweibändige Festschrift war ihm gewidmet, mehr als 100 Glückwunschadressen gingen im Anatomischen Institut ein. Er wurde zum Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften in Europa und den USA gewählt, in der Leopoldina war er Adjunkt für die Provinz Sachsen. Die Universität Leipzig verlieh ihm den Dr. phil. h. c., der preußische Staat den Roten Adler-Orden 3. Klasse und den Kronenorden 3. Klasse. Politisch war Roux zurückhaltend. Sehr eigenwillig, aber für die Sicht eines Professors durchaus bezeichnend erscheint seine Interpretation der bürgerkriegsähnlichen Zustände nach dem Ersten Weltkrieg: »Es ist der soziale und funktionelle Widersinn unserer Zeit, dass sich die Welt der physischen Arbeit auflehnt gegen die Welt der Geistesarbeit und sie unterdrücken will.«

Quelle: UAHW, Rep. 11, PA 13340 (Roux); Leopoldina MM 3148 (Roux); Habilitationsschrift; Rüdiger Schultka, Ein großer Denker, Forscher und Lehrer: Wilhelm Roux – Begründer der Entwicklungsmechanik. In: Scientia halensis 2/2000, S. 32f.; Hermann Stieve, Wilhelm Roux †. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 24/1924; Reinhard Mocek, Wilhelm Roux (1850–1924). In: Ilse Jahn und Michael Schmidt, Darwin & Co. Eine Geschichte der Biologie in Porträts, München 2001, S. 456–476.

Autor: HE

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