Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Leo Stern

geboren: 27. März 1901 Woloka (Nordbukowina, Österreich-Ungarn)
gestorben: 3. Januar 1982 Halle
Konfession: ohne
Vater: Kleinbauer

Leo Stern

Stern besuchte nach der Volksschule, weiterführende Schulen in Czernowitz und Salzburg (Reifeprüfung 1921) und war als Lehrer an einer Mittelschule tätig. An der Universität Wien studierte er Rechts- und Staatswissenschaften, 1925 promovierte er hier zum Dr. rer. pol. Seit 1921 Mitglied der SPÖ, war er nach der Promotion persönlicher Mitarbeiter von Max Adler und Dozent an der Volkshochschule, außerdem Bildungsreferent der Freien Gewerkschaften. Zugleich setzte er seine Studien fort und legte 1928 die Staatsprüfung, das Absolutorium, ab. 1933 wechselte Stern, der sich nach eigener Aussage stets auf dem »äußersten linken Flügel« der Sozialisten befand, zur Kommunistischen Partei. Er nahm 1934 an den Februarkämpfen in Österreich teil und war zeitweise im Lager Wöllersdorf inhaftiert. Nach der Entlassung arbeitete Stern in der Agitationsabteilung des ZK der KPÖ, während der Illegalität der Partei amtierte er als stellvertretender Leiter der Propagandaabteilung des ZK der KPÖ. Im Oktober 1935 emigrierte Stern nach Prag, im Mai 1936 nach Moskau. Hier wurde er Mitarbeiter der Presseabteilung der Komintern, zugleich lehrte er an der Internationalen Leninschule und fungierte als Redakteur deutscher Ausgaben der »Klassiker« des Marxismus-Leninismus-Stalinismus. Nach einer militärischen Grundausbildung wurde Stern zu den Internationalen Brigaden in Spanien abgeordnet. Nach der Rückkehr ernannten ihn sowjetische Behörden zum Professor für neuere Geschichte an der Universität Moskau und der Hochschule für Fremdsprachen. 1940 soll sich Stern, so schreiben die offiziellen Biographen der SED, nachträglich habilitiert haben. Gedruckt wurde die Habilitationsschrift bzw. Promotion B jedoch nicht und ist bisher auch nicht nachgewiesen. Ab 1941 diente Stern in der Roten Armee, sein SED-Mitgliedsbuch weist »besondere Verwendungen« u. a. mehrere » Sonderaufträge« in Politabteilungen nach. 1944 wurde der, inzwischen zum Oberstleutnant beförderte und mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnete Stern, zum Sowjetischen Informationsbüro versetzt. 1945 rückte er als Kulturoffizier in die Stadt Wien ein. U. a. setzte er hier auf Anweisung Marschall Shukows die Ernennung des rechten Sozialdemokraten Karl Renner zum Staatskanzler der Republik durch. Noch im selben Jahr wurde Stern Leiter der Propaganda-Abteilung des ZK der KPÖ. Seine Initiative zur Vereinigung von KPÖ und SPÖ »hintertrieb« Ernst Fischer, der KPÖ-Vorsitzende, wie Stern schreibt, »sektiererisch«. Von 1945 bis 1947 lehrte Stern, immer noch sowjetischer Offizier, an der Universität Wien. 1946 wurde er zum Leiter der Abteilung für Sozialwissenschaften des Institutes für Wissenschaft und Kunst ernannt. 1947/48 war Stern Gastprofessor der Hochschule für Welthandel. Mit der Weichenstellung zur österreichischen Neutralität endete Sterns wissenschaftliche Karriere. 1950 siedelte er in die DDR über und wurde Mitglied der SED (eingebürgert 1952). Als Auskunftspersonen gab er in einem Fragebogen u. a. den Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser und den Landesvorsitzenden der SED Bernard Koenen an. Im selben Jahr erhielt Stern einen Lehrstuhl für neuere Geschichte unter Berücksichtigung der Arbeiterbewegung an der Philosophischen Fakultät Halle. Obwohl er sich selbst in erster Linie als marxistischer »Politökonom und Fachhistoriker« sah, buhlte er zunächst um die Anerkennung der hallischen Professoren. So veröffentlichte er eine Würdigung der Leopoldina (»Zur Geschichte und wissenschaftlichen Leistung der Deutschen Akademie der Naturforscher«, 1952) und zeichnete als Herausgeber der zu großen Teilen 1944 verfassten Festschrift »450 Jahre Martin-Luther-Universität«, (1952) verantwortlich. Von 1952 bis 1966 amtierte er als Direktor des Instituts für deutsche Geschichte an der Martin-Luther-Universität, 1955 wurde er ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und gehörte 1958 zu den Gründern der Deutschen Historiker-Gesellschaft. 1951 wurde Stern zum Prorektor der Universität ernannt, in dieser Funktion war er für das gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium zuständig und vertrat ab Ende 1951 den erkrankten Rektor offiziell. Im Oktober 1953 folgte auf Vorschlag der SED-Bezirksleitung – in die Stern 1952 kooptiert wurde – die Ernennung zum Rektor. Der Leiter der Kaderabteilung – Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit – bemängelte an Sterns Amtsführung später eine »schlechte Verbindung« zu den Mitarbeitern der Universität, was sich in einer »mehr oder weniger« geäußerten »Ängstlichkeit« ausdrücke. Diese Aversion war nicht grundlos, denn Stern agierte als Rektor ganz im Sinne der SED. An der Universität wurden in seiner Amtszeit mehrere »Säuberungsaktionen« durchgeführt, u. a. 1958 gegen den sogenannten Spirituskreis, ein Kränzchen »bürgerlicher« Professoren. Im Senat unterband er 1952 und 1953 Protestaktionen der Dekane zugunsten verhafteter Studenten. Zugleich setzte Stern den Kurs der Wieder- und Neuberufung einstiger Nationalsozialisten auf Lehrstühle fort, wenn sich diese als willfährige Parteigänger des SED-Kurses erwiesen. Als Historiker bewies Stern organisatorische Qualitäten. Er gehörte zu den Mitbegründern der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, initierte die Schriftenreihe »Archivalische Forschungen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung«. Hier scheute Stern nicht vor der Beschäftigung einstiger Nationalsozialisten zurück, sofern diese nur als Fachhistoriker ausgewiesen waren. In der Schriftenreihe erschienen unter anderen Studien über »Die Auswirkungen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution auf Deutschland« (1956); »Die russische Revolution von 1905-1907 im Spiegel der deutschen Presse« (1961); »Die zwei Traditionen der deutschen Polenpolitik und die Revolution von 1905-1907 im Königreich Polen«, (1961) und »Der Kampf der deutschen Sozialdemokratie in der Zeit des Sozialistengesetzes, 1878-1890 – Die Tätigkeit der Reichs-Commission« (1956). Auf Sterns Initiative, er gehörte dem Beirat für Geschichte beim Staatssekretariat für das Hochschulwesen der DDR an, verfassten junge, parteitreue und in der Rückschau als inkompetent einzustufende Historiker ein Lehrbuch zur deutschen Geschichte, das bis 1989 als Hochschullehrbuch eingesetzt wurde. Im Februar 1959 wurde Stern durch eine Intrige seiner Parteigenossen als Rektor gestürzt, eine Beschwerde beim ZK der SED blieb folgenlos. Konsequenterweise wurde Stern auch aus der SED-Bezirksleitung entfernt, weitere Demütigungen ersparte ihm die Fürsprache des Parteichefs Walter Ulbricht. In der Akademie der Wissenschaften führte der in Halle kaltgestellte Stern seine Forschungen zu Geschichte der Arbeiterbewegung weiter, ausgezeichnet wurde er dafür u. a. mit dem Karl-Marx-Orden. Stern erkaufte sich das Wohlwollen der SED-Führung unter anderem mit erklärenden Schriften zum »Nationalen Dokument der SED« (»Zur nationalen Grundkonzeption der deutschen Arbeiterklasse im Kampf um die Lösung der Lebensfragen der deutschen Nation«, 1961) und mit substanzlosen, aber deutungsmächtigen Publikationen zur deutschen und sowjetischen Geschichte (»Die weltgeschichtliche Bedeutung der Gründung der UdSSR«, 1972; »Philipp Melanchthon – Humanist, Reformator, Praeceptor Germaniae, 1960; »Der geistige und politische Standort von Jacob Grimm in der deutschen Geschichte«, 1963; »Der geistesgeschichtliche und politische Standort der Reformation in Vergangenheit und Gegenwart«, 1967). Eine Bekenntnisschrift, die als wohl persönlichste Publikation Sterns gelten muss, ist sein 1954 publizierter Vortrag »Für eine kämpferische Geschichtswissenschaft«. Charakterisierend für den leninistischen Polithistoriker erscheint in der Rückschau auch die Schrift: »Der Antikommunismus als politische Hauptdoktrin des deutschen Imperialismus« (1963). Trotz dieser Zugeständnisse war Stern jahrzehntelang Beobachtungsobjekt des Ministeriums für Staatssicherheit, die Aussagen der überwiegend von ihm selbst geförderten SED-Mitglieder füllen mehrere Aktenbände. Ausgezeichnet wurde das Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften Berlin u. a. mit dem Nationalpreis II. Klasse, dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber, dem Karl-Marx-Orden und dem sowjetischen Orden des Großen Vaterländischen Krieges I. Grades. Die Martin-Luther-Universität ehrte Stern 1976 mit dem Titel eines Ehrensenators.

Anmerkung: Stern war jüdischer Herkunft und hieß eigentlich Jonas Leib. Mehrere seiner Geschwister wurden in deutschen Konzentrationslagern ermordet. Der Bruder Manfred Stern – in Spanien General »Emilo Kleber« – arbeitete für die Komintern und starb während der stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion. Der Bruder Wolf Stern – Mitbegründer der KP der Bukowina – nahm als Kominternagent am Hamburger Aufstand der KPD 1923 und als Offizier am spanischen Bürgerkrieg teil. Ab 1943 war er für die Sicherheitsdienste der Sowjetunion tätig. 1950 wurde er wegen seiner jüdischen Vorfahren entlassen, kam in die DDR und arbeitete zunächst als Übersetzer. Später war er Direktor des Instituts für Militärgeschichte in Potsdam (Pseudonym Stefan Wolf).

Organisationen: 1918 Eintritt in die SAJ, 1921 bis 1933 SPÖ, 1933-1950 KPÖ, überführt in SED, 1952 bis 1960 Mitglied der Bezirksleitung der SED; 1929 bis 1939 Rote Hilfe und Internationale Arbeiterhilfe; 1945 bis 1950 Vorstandsmitglied der Österreichisch-Russischen Gesellschaft; FDGB, DSF, Kulturbund, GST, VdN

Quellen: UAHW, Rep. 11, PA 001 (Stern); LHA Merseburg SED-BL Halle IV/8/1104 Stern; DBE; Auskunft von Hermann-Josef Rupieper (Halle); Helmut Meier (Hrsg.), Leo Stern (1901–1982): Antifaschist, Historiker, Hochschullehrer und Wissenschaftspolitiker, Berlin 2002.

Autor: HE

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