Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Brodnitz, Georg

Brodnitz, Georg

geboren:18.11.1876 Berlin
gestorben:4.12.1941 Litzmannstadt (Łódź)
Konfession:-
Vater:-

Brodnitz, Georg

Ökonom, Wirtschaftshistoriker

Nach dem Abitur am Königlichen Wilhelmsgymnasium in Berlin studierte Brodnitz in Paris, Oxford und Halle Rechts- und Staatswissenschaften. 1901 wurde er in Leipzig zum Dr. jur. und im selben Jahr mit einer Arbeit über Bismarcks Nationalökonomie zum Dr. phil. in Halle promoviert. Nur ein Jahr später habilitierte er sich mit einer Arbeit über die englische Textilindustrie in Halle. Eine außerordentliche Professur, die die Universität Halle 1907 für ihn beantragte, wurde vom Kultusministerium abgelehnt. 1909 wurde er zum außerordentlichen Professor an der Philosophischen Fakultät ernannt, aber erst am 1. Oktober 1927 erhielt er ein planmäßiges Extraordinariat und damit eine Festanstellung an der Philosophischen Fakultät. Am Ende des Ersten Weltkrieges war Brodnitz im Reichsmarineamt tätig. Von 1910 bis zu ihrer Spaltung 1918 war er Mitglied in der Nationalliberalen Partei.

Brodnitz’ Hauptverdienste lagen auf dem Gebiet der Wirtschaftsgeschichte. Er gab seit 1918 das „Handbuch der Wirtschaftsgeschichte“ und bis 1934 überdies die „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft“ heraus. Aber bereits ein Jahr zuvor war er mit Schreiben vom 30. Mai 1933 zunächst auf eigenen Antrag aus gesundheitlichen Gründen von seiner Professur beurlaubt, und dann mit Schreiben vom 26. September 1933 auf der Basis von § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den Ruhestand versetzt worden. Weil ihm seine Dienstzeit in Halle vor 1927 nicht für die Pensionsberechnung anerkannt wurde, verweigerte ihm das Ministerium am 2. Dezember 1933 ein Ruhegehalt. Stattdessen erhielt er seit 1934 jährliche „Gnadenbezüge“, deren Fortzahlung Brodnitz aber immer wieder beantragen musste. Nach seiner Entlassung in Halle lebte Brodnitz in Berlin. Als ein englischer Verlag bat, die Übersetzungsrechte an Brodnitz’ „Englischer Wirtschaftsgeschichte“ (1918) zu erwerben, wurden seitens der Universität und ihres nationalsozialistischen Rektors Johannes Weigelt
keinerlei politische Bedenken gegen Brodnitz erhoben – der zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre ohne Anstellung war. Am 18. Oktober 1941 wurde Brodnitz nach einer Notiz der Berliner Polizei nach Litzmannstadt (Łódź) „überführt“, wo sich eines der größten nationalsozialistischen Ghettos befand. Das Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung genehmigte am 24. Oktober 1941, nach der Deportation, die Verlängerung der Bezüge von Brodnitz noch bis Ende 1943. Aber bereits zum 1. Dezember 1941 seien, so teilte der Präsident der Preußischen Bau- und Finanzdirektion am 8. September 1943 dem hallischen Universitätskurator mit, Brodnitz’ „Versorgungsbezüge“ nicht mehr gezahlt worden; der „Anspruch“ darauf sei wegen seiner „Umsiedlung […] erloschen“. Am 4. Dezember 1941 ist Georg Brodnitz in Litzmannstadt verstorben.


Ausgewählte Publikationen von Brodnitz:

  • Bismarcks nationalökonomische Anschauungen. Jena 1902 (Teil 1: Dissertation Halle 1901).
  • Vergleichende Studien über Betriebsstatistik und Betriebsformen der englischen Textilindustrie.Halle, zeitgleich Jena 1902 (Habilitation Halle 1901).
  • Handbuch der Wirtschaftsgeschichte. 7 Bde. Jena 1918–1936 (Hg.) (Band 1: Georg Brodnitz: Englische Wirtschaftsgeschichte. Jena 1918, Nachdruck Hildesheim 1998).
  • Das System des Wirtschaftskrieges. Tübingen 1920.

Quellen und Literatur

  • UAH PA 4957.
  • Eberle 367.
  • Catalogus Professorum Halensis.
  • Michael Grüttner und Sven Kinas: Die Vertreibung von Wissenschaftlern aus den deutschen Universitäten 1933–1945. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 55 (2007), 123–186.

Bild: UAH.

Quelle: Friedemann Stengel (Hg.): Ausgeschlossen. Die 1933-1945 entlassenen Hochschullehrer der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Halle 2016, S. 53 - 58

Autor: Friedemann Stengel

Weitere Bilder und Dokumente:

Dokument: Brodnitz, Georg

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