Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Becker, Hans Herbert

geboren:1. April 1914 Limbach
gestorben:1. April 1914 Limbach
Konfession:evangelisch-lutherisch
Vater:Friseur

Becker, Hans Herbert

Hans Herbert Becker wurde am 1. April 1914 im sächsischen Limbach als Sohn eines Friseurs und einer Näherin geboren. Er studierte von 1933 bis 1936 Pädagogik an der Universität Leipzig und absolvierte 1937 seine Zeit als Probelehrer. Im November 1937 wurde er zum zweijährigen Wehrdienst eingezogen und war auch während des Zweiten Weltkriegs im Heer. 1941 schloss er seine nach dem Studium begonnene Promotion zum Thema „Manneszucht und Persönlichkeit. Eine Grundfrage der Wehrmachterziehung” ab. Nach britischer Kriegsgefangenschaft wurde er noch 1945 nach einem Demokratisierungskurs wieder als Lehrer zugelassen und nahm eine Assistentenstelle an der Erziehungswissenschaftlichen Anstalt der Universität Jena auf. 1946 wurde er Dozent an der im Aufbau befindlichen Pädagogischen Fakultät Halle und wurde dort mit Aufbau und Leitung der Vorsemesterausbildung betraut. Im gleichen Jahr trat er in die SED ein. 1947 wurde er unter dem Dekanat Hans Ahrbecks zum außerordentlichen Professor berufen. Kurz darauf wurde er auch Direktor des durch die Eingliederung von Teilen der Franckeschen Stiftungen entstandenen Instituts für Didaktik und Methodik. In seiner Lehre und Forschung knüpfte Becker an die vor-nationalsozialistische pädagogische Tradition in Deutschland an. Zunächst bleib seine Arbeit durch die SED und den sowjetischen Bildungsoffizier in Halle unbeanstandet, doch die politische Situation in der Pädagogik änderte sich mit dem 4. Pädagogischen Kongress der DDR von 1949, der die westdeutsche Pädagogik als “bürgerlich-reaktionär” verurteilte. Der für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur zuständige Sekretär des ZK der SED Kurt Hager kritisierte Beckers Arbeit öffentlich wegen mangelnder Linientreue. 1950 kam es infolgedessen zu mehreren Konflikten mit von der SED zur Auseinandersetzung mit Becker beauftragten Studierenden, die seine Lehre als bürgerlich-reaktionär attackierten. 

Trotz weiterer Angriffe habilitierte Becker 1953 zum Thema „Zum Problem der Grundbegriffe in der Pädagogik” und wurde 1954 zum ordentlichen Professor berufen. Die Zugehörigkeit seiner Familie zur evangelischen Kirche sowie die Konfirmation seines Sohnes und seiner Tochter führten von 1955 bis 1957 zu kontinuierlichen Angriffen, dabei wurde auch sein Sohn vom MfS beobachtet und durch Unterstellung nationalsozialistischer Äußerungen denunziert. Entscheidender Anstoß für die Eskalation des Konflikts war der Aufsatz „Über das Wesen der Allgemeinbildung und einige aus ihm sich ergebenden Folgerungen für das System der Volksbildung”, der 1957 in der Zeitschrift Pädagogik veröffentlicht wurde. Auch Beckers Bezug auf Theodor Litt, bei dem er vor dessen Zwangsemeritierung durch die Nationalsozialisten zu promovieren beabsichtigt hatte, trug zu den Angriffen bei. 

In einer Flut von Flugschriften und Aufsätzen wurden Becker die Förderung „reaktionär-bürgerlicher” Assistenten und die Bildung einer „staatsfeindlichen Plattform unter Wissenschaftlern, Lehrern und Studenten” vorgeworfen. Ab Ende 1957 wurde Becker u.a. postalisch und telefonisch vom MfS überwacht. Ende Februar/Anfang März 1958 wurde auf der 3. Hochschulkonferenz der SED das Programm der sozialistischen Universität verkündet, die von bürgerlichen und revisionistischen Einflüssen befreit werden müsse und ein offensives Vorgehen gegen „Feinde“ des Sozialismus im Wissenschaftsbetrieb ankündigte. Neben Becker waren damit in Halle auch Günther Mühlpfordt und der Sportwissenschaftler Gerhard Lukas betroffen. Becker befürchtete eine Verhaftung und floh Anfang 1958 mit seiner Familie aus der DDR. Am 10.6.1958 wurde ihm von der Universität Halle wegen seiner Republikflucht der Titel Professor aberkannt.

Nach Beschäftigungen als Internatsleiter und in einem Forschungsprojekt der DFG war er ab 1960 in Dortmund als Lehrer tätig und vertrat ab dem 1.7.1960 den Lehrstuhl für allgemeine Pädagogik an der pädagogischen Akademie. Durch die Aussage eines inzwischen ebenfalls in die Bundesrepublik ausgewanderten ehemaligen Jenaer Professors, Becker sei ein „SED-Professor” gewesen, der für die SED „Handlangerdienste“ durchgeführt habe, blieb Becker die Berufung verwehrt. 1963 konnte er diesen Vorwürfen mehrere Aussagen von DDR-flüchtigen ehemaligen Lehramtsstudierenden entgegenstellen, die seine Auseinandersetzungen mit der SED bezeugten.  1964 wurde er Professor am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik an der pädagogischen Hochschule Ruhr, 1965 ordentlicher Professor und 1968 Direktor des Instituts für Pädagogik und Philosophie. Nach der Eingliederung der Hochschule in die Universität Dortmund 1980 war er dort bis 1985 als Professor tätig. Hans Herbert Becker starb am 19. Februar 2008 in Dortmund.

Organisationen: SED 1946-1958

Quellen: 
UAHW, Rep. 11, PA 4253 (Becker).

Hans Herbert Becker: Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein deutscher Universitätsprofessor berichtet aus seinem Leben in Freiheit und Unfreiheit, Dortmund 2002.

Dietrich Benner, Horst Sladek: Vergessene Theoriekontroversen in der Pädagogik der SBZ und DDR 1946 bis 1991, Weinheim 1998, 98–113.

Ernst Cloer: Theoretische Pädagogik in der DDR. Eine Bilanzierung von außen. - Weinheim 1998.

Horst Sladek: Harmonische und antinomische Menschenbildung in der DDR. Ein Beitrag zur bleibenden Bedeutung von Hans Herbert Beckers Verhältnisbestimmung von allgemeiner und beruflicher Bildung. - In: Pädagogische Rundschau 49 (1995), 79–85.

Friedemann Stengel: Die Theologischen Fakultäten in der DDR als Problem der Kirchen- und Hochschulpolitik des SED-Staa¬tes bis zu ihrer Umwandlung in Sektionen 1970/71. Leipzig 1998, 260-294.

Autor: AK

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