Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Christian Wolff

geboren:24. Januar 1679 Breslau
gestorben:9. April 1754 Halle
Konfession:evangelisch
Vater:Christoph Wolff (geb. 1650), Lohgerber in Breslau

Christian Wolff

Christian Wolff stammte aus einer Handwerkerfamilie und wurde zunächst vom Vater unterrichtet. Ab dem Alter von 8 Jahren besuchte er das lutherisch-humanistische Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau. Früh fiel Wolff wegen seiner schulischen Leistungen auf. Ab 1699 erhielt er vom Breslauer Rat ein Stipendium, mit dem er sich zum Wintersemester desselben Jahres in Jena zum Theologiestudium einschrieb. Typisch für die Zeit hörte Wolff daneben Vorlesungen in der Philosophischen Fakultät, vor allem in der Mathematik und der Physik.

Im Jahr 1701 wechselte er an die Universität Leipzig, wo er am 26. Januar 1702 die Magisterprüfung ablegte. Ein Jahr später, am 13. Januar 1702 erhielt er durch die Verteidigung seiner Schrift „De philosophia practica universali, methodo mathematica conscripta“ die Venia legendi, also die Erlaubnis, Vorlesungen zu halten. Anschließend unterrichtete er an der Philosophischen Fakultät Mathematik, Logik, Metaphysik, Philosophie und auch Theologie, hielt sogar sporadisch Predigten in Leipzig.

In dieser Zeit begann der Briefwechsel zwischen Wolff und Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), den Wolff sehr verehrte. Auf Leibniz’ Vermittlung hin begann 1705 Wolffs Rezensionstätigkeit für die zu dieser Zeit bedeutendste Gelehrtenzeitschrift „Acta Eruditorum“, die in Leipzig herausgegeben wurde.

Im Zuge des Großen Nordischen Kriegs zwischen Dänemark, Russland und Sachsen-Polen gegen Schweden war auch Leipzig im Jahr 1706 von schwedischen Truppen besetzt. Dies zwang Wolff, Leipzig zu verlassen. Unter anderem bewarb er sich am preußischen Hof um eine Professur in Halle.

Dies glückte: am 2. November 1706 wurde er zum Professor der Mathematik an der Philosophischen Fakultät nach Halle berufen. Als Wolff auch die physikalischen Vorlesungen, die Logik und die Naturphilosophie übernahm, gehörte er bald zu den erfolgreichsten und beliebtesten Professoren der Fridericiana.

In diese Zeit fiel zudem eine intensive publizistische Tätigkeit. Wolff legte hier die Grundsteine seiner rationalistischen Philosophie dar. Im Kern ging es Wolff darum, seinen Studenten und Lesern folgende These zu belegen: „Der Mensch, der denken kann, sich seiner Fähigkeiten wie auch Grenzen bewusst wird, der seine Erkenntnisse auf das gesellschaftliche Leben übertragen und moralisch nach ihnen handeln kann, ist geistig unabhängig“ (Pantenius, S. 39). In den seit 1712 publizierten „Vernünftigen Gedanken“ definierte er die notwendigen Begriffe (in deutscher Sprache) für diesen Denkprozess: In den 1712 erschienenen „Vernünftigen Gedanken von den Kräften des menschlichen Verstandes und ihren richtigen Gebrauch in der Erkenntnis der Wahrheit“ erläuterte er seine „Logik“, 1719 in den „Vernünftigen Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen die „Metaphysik“, 1720 in den „Vernünftigen Gedanken von der Menschen Tun, und Lassen zur Beförderung der Glückseligkeit“ seine „Ethik“, in den 1721 erschienenen „Vernünftigen Gedanken von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen“ die „Politik“, in den 1723 erschienenen „Vernünftigen Gedanken von den Wirkungen der Natur“ die „Physik“ (u.a.).

Die Intention war klar: es ging gegen die religiöse Bevormundung des Menschen durch die orthodoxe und die pietistische Theologie. Der Konflikt mit der Theologie lag auf der Hand: man warf ihm Determinismus und Rationalismus vor. Der Streit wurde in zahlreichen Schriften in der Öffentlichkeit ausgetragen. Er erlangte jedoch seinen Höhepunkt, als Wolff 1721 in seiner Prorektoratsrede die Sittenlehre der chinesischen Kultur rühmte und den Beweis dafür sah, dass die natürliche Moral der Menschen unabhängig vom christlichen Glauben eine ganze Hochkultur prägen konnte. Damit brach der sogenannte „hällische Streit“ mit den Kollegen aus der Theologischen Fakultät, allen voran Joachim Lange (1670-1744) vollends aus, die Wolffs Lehren in Berlin als atheistisch anklagten. Nachdem sie ihren Einfluss beim Hof stark gemacht hatten, wurde Christian Wolff schließlich am 8. November 1723 des Landes verwiesen und musste innerhalb von 48 Stunden Preußen verlassen.

Die gelehrte Welt war geschockt: Wolff war mittlerweile einer der bedeutendsten Gelehrten Deutschlands, hatte eine Lehre geschaffen, die seinen Namen trug und zahlreiche Schüler hinter ihm versammelte. Schon zuvor hatte er zahlreiche Rufe aus anderen Universitäten im Heiligen Römischen Reich, aber auch aus anderen Ländern, erhalten. Noch im Juni 1723 war ein Angebot aus Marburg eingegangen. Die gelehrte Welt riss sich um ihn. Wolff entschied sich für Marburg, wo er ebenfalls eine ordentliche Professur an der Philosophischen Fakultät erhielt. Zahlreiche hallesche Studenten folgten ihm.

In Marburg las er mit noch größerem Erfolg, wozu seine aufsehenerregende Vertreibung aus Preußen beigetragen haben dürfte. Er publizierte nun nur noch in lateinischer Sprache, auch um international rezipierbar zu sein. Und das gelang: Der Wolffianismus hielt Einzug in alle möglichen Wissenschaften und war die prägende Philosophie der Aufklärungszeit. Über seine zahlreichen Schüler wirkte der Wolffianismus zudem in der Breite und fand in vielen Wissensfeldern seine Realisierung. So lassen sich Wolffs Gedanken beispielsweise zum Naturrecht in juristischen Reformen zahlreicher europäischer Länder dieser Zeit wiederfinden.

Schon in den 1730er Jahren hatten die pietistischen Theologen längst ihren großen Einfluss auf den Hof und ihren Stellenwert insgesamt eingebüßt. So gab es ab 1736 bereits Verhandlungen, um Wolff aus Marburg zurückzuholen. Als der Soldatenkönig, Friedrich Wilhelm I., Ende Mai 1740 starb, folgte ihm sein Sohn Friedrich II. auf den Thron, der sich in seiner Kronprinzenzeit schon als Wolffianer bezeichnet hatte. So dauerte es nicht lang: am 21. November desselben Jahres erfolgte die Rückberufung Wolffs nach Halle auf die Professur für Mathematik und für Natur- und Völkerrecht. Verbunden damit war die Ernennung zum Vizekanzler der Universität und dem bis dahin höchsten Gehalt unter den halleschen Professoren von 2.000 Reichstalern im Jahr. Als Wolff am 6. Dezember in Halle eintraf, wurde er mit einem triumphalen Empfang begrüßt. „Eine Epoche philosophischen Glanzes“ (Neugebauer-Wölk, S. 31) bewirkte dies dennoch nicht. Wolff konnte nicht mehr an die alte Wirksamkeit anknüpfen, sowohl in der literarischen Außenwirkung als auch in Bezug auf die Studenten. Unbenommen bleibt sein weitreichender Einfluss als „Bahnbrecher“ (Mühlpfordt, S. 31) der Aufklärungsphilosophie. 1743 starb der bisherige Kanzler der Universität, der Juraprofessor Johann Peter von Ludewig (1668-1743), so dass Wolff das Kanzleramt übernahm.

1745 wurde Wolff von Herzog Maximilian III. von Bayern in den Reichsfreiherrenstand erhoben, Friedrich II. erhob ihn in den Stand eines Barons.

Wolff war seit dem 30. September 1716 mit Katharina Maria Brandis (1698-1759) verheiratet. Sie war die Tochter des Stiftamtmanns Johann August Brandis (gest. 1716), eines hohen Verwaltungsbeamten, und entstammte folglich einer angesehenen halleschen Familie. Aus der Ehe gingen 3 Söhne hervor, von denen jedoch nur Ferdinand (1722- 1780) das Erwachsenenalter erlangte.

Am 9. April 1754 starb Christian Wolff, er wurde am 12. April in der Schulkirche des ehemaligen Barfüßerklosters beigesetzt.

Organisationen:

1710 Mitglied der Royal Society London

1711 Mitglied der Königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften

1717 Mitglied der Akademie der Naturforscher Leopoldina

1725 Ehrenmitglied und Honorarprofessor der Russischen Akademie der Wissenschaften

1732 Mitglied der Schwedischen Akademie der Wissenschaften

1733 Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften Paris

1752 Mitglied der Akademie der Wissenschaften Bologna

Bild: Zentrale Kustodie, MLU Halle-Wittenberg

Quellen: ADB, Bd. 44, Leipzig 1898, S. 12ff.; DBA, Bd. 1, Nr. 1388, S. 85ff.; Dreyhaupt, S. 749ff.; Erler, Georg: Die jüngere Matrikel der Universität Leipzig, 1559-1809, Bd. 2, Leipzig 1909, S. 504; Förster, S. 284f.; GStA PK, I. HA Rep. 52 Herzogtum Magdeburg 159 N. 3 d Professores Philosophia, Poesos, Physices, Eloquentia, oeconomia, Bd. 1 (1691-1724); Kertscher, Hans-Joachim: „Er brachte Licht und Ordnung in die Welt“. Christian Wolff, eine Biographie, Halle 2018; Mühlpfordt, Günter: Christian Wolff, ein Bahnbrecher der Aufklärung. In: Aland, Kurt (Hg.): 450 Jahre Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bd. 2: Halle 1694–1817. Halle-Wittenberg 1817–1945. Halle 1952. S. 31–39; Neugebauer-Wölk, Monika: Der Kampf um die Aufklärung. Die Universität Halle 1730 bis 1806, in: Martin-Luther-Universität. Von der Gründung bis zur Neugestaltung nach zwei Diktaturen, hg. v. Gunnar Berg u. Hans-Hermann Hartwich, Opladen 1994, S. 27-56; Pantenius, Michael: Gelehrte, Weltanschauer, auch Poeten… Literarische Portraits berühmter Hallenser. Halle 2006, S. 39-42; UAHW Rep 3, Nr. 241 Bestallung und Besoldung der Professoren der Juristischen Fakultät, Bd. 2 (1730-1754);

 

Autorin: JS

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