Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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August Hermann Francke

geboren:22. März 1663 Lübeck
gestorben:8. Juni 1727 Halle
Konfession:evangelisch
Vater:Johann Francke (1625-1670), Jurist

August Hermann Francke

Francke wurde zunächst durch seinen Vater unterrichtet, der ihn von Kindheit an zum Theologen bestimmte. Nachdem die Familie nach Gotha umgezogen war, besuchte Francke von 1676 bis 1677 das Gymnasium illustre in Gotha, welches ihm nach seinem Aufenthalt die Universitätsreife ausstellte. Durch den frühen Tod seines Vaters und die damit verbundenen schlechte finanzielle Lage seiner Familie waren die Stationen seiner Universitätsstudien von einigen Unterbrechungen geprägt. So erklären sich auch seine zahlreichen Studienorte: An den Universitäten Erfurt, Kiel, Leipzig und Wittenberg studierte er die orientalischen Sprachen und die Theologie. 1685 erlangte er den Magistertitel an der Universität Leipzig.

Francke begann bald, Predigten an der Leipziger Paulinerkirche zu halten. 1686 gründete er an der Leipziger Alma Mater, gemeinsam mit seinem späteren halleschen Professorenkollegen Paul Anton (1661-1730), das Collegium philobiblicum. Dieses Collegium war durchaus nichts Ungewöhnliches im akademischen Kontext. Die Magister, die dort zusammenkamen, übten sich in der Bibelauslegung. In diesem Kontext traf Francke auch erstmals auf Philipp Jakob Spener (1635-1705).

Während eines Studienaufenthaltes bei einem als Exegeten bekannten Superintendenten in Lüneburg kam es zu dem immer wieder tradierten Bekehrungserlebnis. Hiernach kehrte er nach Leipzig zurück und sammelte in den sogenannten Collegia biblica gleichgesinnte Studenten um sich. Dies erregte den Widerstand innerhalb der Leipziger Theologischen Fakultät, die ihm die Lehrerlaubnis entzog. Auch Christian Thomasius (1655-1728) wurde in diese Auseinandersetzungen hineingezogen, da er für Francke Partei ergriffen hatte. Durch Joachim Justus Breithaupt (1658-1732), ein Kieler Freund, mittlerweile Senior des Geistigen Ministeriums in Erfurt und ebenfalls späterer Hallenser Kollege, erlangte Francke zu diesem Zeitpunkt, nämlich zu Pfingsten 1690, sein erstes Pfarramt an der Erfurter Augustinergemeinde. Dort traf er aber erneut auf Widerstände. Diese hatten zur Folge, dass er Ende desselben Jahres bereits aus Erfurt verwiesen wurde. Spener wiederum hatte hier schon großen Einfluss in Berlin erlangt und konnte diesen wirksam machen: Francke wurde im Dezember 1691 eine Pfarrstelle in Glaucha bei Halle angeboten, sowie die Professur für griechische und orientalische Sprachen. Wohl bewusst bot der Berliner Hof ihm nicht direkt eine theologische Professur an der noch jungen Universität an, denn die hallesche Theologische Fakultät musste sich ihren Ruf einer ernst zu nehmenden Lehranstalt für angehende Theologen erst erarbeiten. Da musste ein „Aufrührer“ wie Francke zunächst vorsichtigt beäugt werden (Taatz-Jacobi).

1695 begann Francke in seiner eher armen Glaucher Gemeinde Waisenkinder zu unterrichten, auch um seine eigenen pädagogischen Ziele zu erreichen. Dabei fand er rasch zahlungswillige Unterstützer unter seinen Freunden aus Adel und aufstrebendem Bürgertum. Nicht zuletzt hatte er das Wohlwollen des Berliner Hofes hinter sich. Bald entstand daraus die weithin berühmte Schulstadt mit Waisenhaus, Deutscher und Lateinscher Schule für die bürgerlichen Kinder und das Königliche Pädagogium für die Kinder des höheren Standes. Er richtete zudem studentische Freitische ein. Es gab bald eine der am besten eingerichteten Bibliotheken der Zeit, eine eigene Apotheke, eine Buchhandlung und 1710 kam die Cansteinische Bibelanstalt hinzu. Damit wurde es auch Kindern aus den untersten Schichten, und insbesondere auch Mädchen, ermöglicht, zur Hochschulreife zu gelangen.

Francke ging auch auf dem Gebiet der Lehrerausbildung neue Wege. Die Theologiestudenten konnten schon während des Studiums praktische Erfahrungen sammeln, indem sie als Informatoren an den Stiftungen die Zöglinge unterrichteten. Dabei standen die deutsche Sprache und die Erziehung anhand von praktischen Lehrmitteln im Mittelpunkt. So gab es bald eine eigene Sternwarte, das berühmte Naturalienkabinett und auch der Werkunterricht war Bestandteil des Unterrichts.

Am 29. September 1698 wechselte Francke in die Theologische Fakultät und erhielt endlich die ordentliche Professur der Theologie. Der Berliner Hof sah bald das Potenzial Franckes und unterstützte sein Werk. Francke erlangte mit und durch seine Anstalten internationalen Ruhm, seine Zöglinge konnten seine Ideen in die Welt tragen. Der Pietismus Franckescher Auslegung wurde bald zu einem Exportartikel, den Francke selbst zu inszenieren wusste.

Francke war mit Anna Magdalena von Wurm (1670–1734) verheiratet. Sie war die Tochter von Otto Heinrich von Wurm (1631-1676) und gehörte damit einem alten Thüringer Adelsgeschlecht an. Da sie beide Eltern relativ früh verlor, wurde ihr als Vormund der Quedlinburger Stiftshauptmann Adam Adrian von Stammer (gest. 1703) gestellt. Sie siedelte damit, etwa zu dem Zeitpunkt als sie bereits in brieflichem Kontakt zu Francke stand, in eine pietistische Gruppierung Quedlinburgs über. Da ihre Brüder aufgrund der Standesgrenzen strikt gegen eine Hochzeit waren, ermöglichten u.a. diese Übersiedlung und die Mitwirkung der pietistischen Freunde in Quedlinburg die Eheschließung mit August Hermann Francke am 4. Juni 1694 auf der Rammelsburg. Das Paar hatte mehrere Kinder, u.a. den späteren halleschen Theologieprofessor Gotthilf August Francke (1696-1769).

Organisationen: 1701 Mitglied der neugegründeten Königlich Preußischen Sozietät der Wissenschaften

Bild: Denkmal auf dem Gelände der Stiftungen, Bildnachweis: www.theologie.uni-halle.de

Quellen: ADB, Bd. 7, Leipzig 1877, S. 219-231; BBKL, Bd. 2, Hamm 1990, S. 85-90; Dreyhaupt, S. 613f.; Förster, S. 211f.; Lißmann, Katja: Der pietistische Brief als Bildungs- und Aneignungsprozess. Anna Magdalena von Wurm in ihren Briefen an August Hermann Francke (1692-1694). In: Jacobi, Juliane/Le Cam, Jean-Luc/Musolff, Hans-Ulrich (Hg.): Vormoderne Bildungsgänge. Selbst- und Fremdbeschreibungen in der Frühen Neuzeit. Köln, Weimar, Wien 2010, S. 63-80; NDB, Bd. 5, Berlin 1961, S. 322-325; Stephan, Christian: Die stumme Fakultät. Biographische Beiträge zur Geschichte der Theologischen Fakultät der Universität Halle. Dössel 2005. S. 15-24; UAHW Rep 3, Nr. 239 Ernennung der Adjunkten, außerordentlichen und ordentlichen Professoren bei der Theologischen Fakultät (1691 - 1786).

Autorin: JS

 

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